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Thema: Der zerbrochene Stuhl

  1. #1
    Mitglied Avatar von PhoneBone
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    Der zerbrochene Stuhl

    Hallo zusammen,
    ich möchte den ursprünglichen Gedanken hinter der Schreibstube wieder aufgreifen – nämlich Texte zu teilen, die einem am Herzen liegen.
    Ich habe etwas geschrieben, das ich gerne mit Euch teilen möchte. Es ist ein Ausschnitt aus einem größeren Projekt, und ich bin gespannt, wie es bei Euch ankommt.
    Kommentare, Gedanken, Kritik – alles ist willkommen.
    Was Genre und Inhalt angeht, lasse ich Euch einfach selbst eintauchen. Viel Spaß beim Lesen!





    NEUANFANG

    Die flackernden Paneele über unseren Köpfen werfen zuckende Schatten auf
    die kahlen Wände. Wir stehen dicht gedrängt, Schulter an Schulter,
    zusammengepfercht wie Vieh auf dem Weg zur Schlachtkammer. Die
    schwüle Wärme der dicht gedrängten Körper erfüllt den engen Raum.
    Stechender Schweißgeruch hängt schwer in der Luft. Ich atme flach,
    versuche gegen die aufkommende Übelkeit anzukämpfen. Der Boden
    vibriert, ein tiefes, grollendes Brummen, das sich in Wellen durch meinen
    Körper zieht.

    Niemand spricht. Die Nervosität ist greifbar. Seit einer Ewigkeit starren wir
    nun schon auf diese Luke. Ich sehe in die Gesichter um mich. Die meisten
    Blicke sind leer, ausgezehrt vom Warten und der Ungewissheit, doch in
    machen flackert ein Funken Hoffnung. Hinter dieser Luke liegt unsere
    Zukunft. Und ich bete, dass sie weniger erbärmlich ausfällt als das Leben,
    das ich zurücklasse.

    Einhundertzweiunddreißig Tage, um mich auf das vorzubereiten, was
    mich auf der anderen Seite erwartet. Und dennoch fühlt es sich falsch an.
    Als würde ich das Leben eines Fremden betreten wollen, den ich kaum kenne.

    Bin ich dazu bereit? Zweifel nagt an mir. Hartnäckig. Gierig. Wie eine
    ausgehungerte Ratte, hervorgekrochen aus den dunkelsten Ecken meines
    Verstandes.

    Was, wenn das hier die dümmste Idee war, die ich je hatte?
    Nicht, dass ich jetzt noch etwas daran ändern könnte.

    Ein scharfes Zischen durchbricht meine Gedanken. Die Luke ist meines
    inneren Monologs wohl endgültig überdrüssig geworden. Dann ein leises
    Klicken. Die Kontrolllampe springt von Rot auf Grün. Es geht los.

    Ich ziehe scharf die Luft ein, ein Versuch, die aufkeimende Panik zu
    ersticken. Doch der beißende Gestank brennt in meinem Hals und ich ringe
    mit dem Reflex, mich zu übergeben.

    Vier lange Monate in dieser Konservenbüchse. Vier Monate für genau
    diesen Moment. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

    Zögerlich nähert sich meine Hand der Konsole. Die Finger schweben
    zitternd über dem Sensorfeld. »Dann los«, flüstere ich und lasse sie langsam
    auf die glatte Oberfläche sinken. Ein sanftes Vibrieren durchläuft meine
    Fingerspitzen.

    Die Luke gibt ein dumpfes, mechanisches Ätzen von sich, dann gleitet sie
    langsam zur Seite. Fast wie ein Vorhang, der ein spektakuläres Kunstwerk
    enthüllt. Gleißendes Tageslicht ergießt sich in die enge, dunkle Kammer.
    Instinktiv reiße ich die Hände hoch, um meine Augen vor der ungewohnten
    Helligkeit zu schützen. Ein überraschtes Stöhnen brandet durch die Reihen
    in meinem Rücken. Die lange Zeit unter künstlicher Beleuchtung fordert
    jetzt schadenfroh ihren Tribut.

    Feiner Staub wirbelt durch die Öffnung, legt sich auf mein Gesicht, ein
    sanftes Kribbeln auf der Haut. Er dringt mit jedem Atemzug tief in meine
    Lungen ein. Ich huste überrascht, stehe verunsichert in der Öffnung. Hinter
    mir wächst die Unruhe langsam an. Einen Moment noch. Dann kneife ich die
    Augen zusammen und setze den ersten Schritt hinaus auf die Rampe - hinein
    in mein neues Leben.

    Die Luft ist trocken. Noch immer trüb vom aufgewirbelten Staub der
    Landung. Es riecht nach Eisen und Rost. Das leise Summen der Motoren ist
    das einzige Geräusch, ansonsten herrscht eine seltsame Stille. Kein
    Vogelzwitschern, kein Blätterrauschen, keine spielenden Kinder. Nicht mal
    der nervige Rasenmäher von nebenan.

    Seltsam, wie beiläufig ich Alltagsgeräusche sonst wahrgenommen habe.
    Doch jetzt, da sie komplett fehlen, werde ich mir ihrer erstmals bewusst.
    Der intime Moment endet abrupt, als mich jemand unsanft von hinten anrempelt.
    »Mach Platz, Junge.«
    Ich stolpere, verliere fast das Gleichgewicht. Der Protest liegt mir schon
    auf der Zunge - doch da drängt sich Mertens bereits an mir vorbei. Mit
    eiligem Schritt bahnt er sich seinen Weg die Rampe hinab, als würde er vor
    seiner eigenen Unzufriedenheit fliehen.

    Ich blicke ihm nach und ertappe mich bei dem Wunsch, sein viel zu enger
    Overall möge dem nach Freiheit strebenden Fettgewebe einfach nachgeben.
    Ein großartiger Gedanke, der mir ein flüchtiges Lächeln aufs Gesicht zaubert.

    Aber besser, ich konzentriere mich auf meinen eigenen Abstieg. Das Letzte,
    was ich jetzt gebrauchen kann, ist eine weitere unfreiwillige Akrobatikeinlage.

    Unsicher setze ich einen Fuß vor den anderen, taste mich langsam
    vorwärts. Jeder Schritt fühlt sich merkwürdig an, als wäre ich wieder zehn
    Monate alt und würde gerade das Laufen lernen. Angesichts meiner
    Schwierigkeiten, die Balance zu halten, muss ich mir widerwillig eine
    gewisse Bewunderung für diesen Kotzbrocken eingestehen. Im Vergleich zu
    mir sind seine Bewegungen fast schon anmutig. Als hätten die veränderten
    Gesetze der Schwerkraft für ihn keine Geltung.

    Vielleicht ist es ihm auch einfach egal. Soll sich die Gravitation doch
    gefälligst nach ihm richten. Und wenn nicht – reicht er vermutlich
    Beschwerde direkt beim Universum ein. Man stelle sich vor, wie er Sir Isaac
    Newton persönlich vors oberste Gericht zerrt.

    Ich hingegen muss mich weiter wackelnd und taumelnd die Rampe
    hinunterkämpfen – mit dem Gleichgewichtssinn eines betrunkenen
    Pinguins.

    Zum Glück ergeht es den anderen Passagieren auch nicht besser. Wir sind
    wie eine Horde Kleinkinder, die dem elterlichen Laufstall zum ersten Mal
    entfliehen. Beruhigend. Einen weiteren Rempler würde mein ohnehin
    schon angeknackstes Selbstbewusstsein vermutlich nicht so einfach
    wegstecken.

    Zum ersten Mal, seit ich den dunklen Bauch der Landefähre verlassen
    habe, wage ich es, den Blick von meinen Füßen zu lösen und nach vorn zu
    richten. Mir stockt der Atem. Der Anblick ist spektakulär. Vor mir erstreckt
    sich ein weites Plateau, das in eine endlose Ebene übergeht. Rote Felsen
    und zerklüftete Sandformationen durchziehen die Landschaft,
    unterbrochen von Hügeln und verstreuten Felsgruppen, die wie stumme
    Wächter aus dem Boden ragen.

    Ein Moment unvermittelter Ehrfurcht überkommt mich, als ich endlich die
    Rampe verlasse und mit festem Schritt den Boden meiner neuen Heimat
    betrete. Hier bin ich!

    Fehlt nur noch das Empfangskomitee. Ein paar Leute mit bunten Fähnchen
    würden schon reichen. Dazu noch ein großes Transparent, auf dem in
    fröhlichen Lettern steht: Willkommen auf dem Mars!

    Ich lasse den Landeplatz und mein imaginäres Empfangskomitee im Staub
    zurück und wende mich dem imposant vor mit aufragenden
    Raumhafengebäude zu. Mit jedem Atemzug strömt künstlich aufbereitete
    Mars-Luft in meine Lungen, vermischt sich mit dem feinen Staub der
    Landung. Hoffentlich haben sie hier oben ordentliche Luftfilter – schließlich
    bin ich nicht auf den Mars gekommen, um mir eine Staublunge einzufangen.

    Mit jedem Schritt gewöhne ich mich mehr an die veränderte Gravitation.
    Mein Gang wird fester, sicherer. Fast schon bin ich ein wenig stolz darauf,
    dem Kleinkindalter so schnell wieder entwachsen zu sein.

    Der Landeplatz ist gezeichnet von den ausgefransten Spuren unzähliger
    Schiffe, die im Laufe der Jahre hier verkehrt sind. Hinter mir ragt das Shuttle
    majestätisch in die Höhe, demonstriert eindrucksvoll seine Bedeutung. Auf
    fünf sternförmig angeordneten Rampen strömen Passagiere aus dem
    Bauch, wie Blutkörperchen aus einem schlagenden Herzen. Die geöffneten
    Luken wirken dabei wie hungrige Mäuler – bereit, neue Passagiere zu
    verschlingen oder auszuspucken, ganz nach Bedarf.

    Die Landestützen erinnern an die Beine eines Insekts – kräftig, starr,
    gebaut, um den Aufprall auf dem harten, roten Boden abzufangen. Die
    glänzende Außenhaut reflektiert das Licht der Mars-Sonne und verleiht dem
    Schiff ein beinahe skulpturales Aussehen. Klare Linien und geschwungene
    Kurven bestimmen das Design, als hätte Kael Vireaux persönlich Hand angelegt.

    Eigenartig geformte Sensoren und Antennen ragen aus der Oberfläche,
    vermutlich für die Kommunikation mit der Bodenkontrolle. Und dann sind
    da noch die Triebwerke – gewaltig, dominant, sie nehmen einen Großteil
    der Schiffmasse ein. Ihre schiere Größe strahlt eine fast arrogante
    Selbstsicherheit aus, als würden sie flüstern: Vertrau uns – wir bringen dich
    in die Weiten des Alls. Und mal ehrlich: Wer könnte schon misstrauisch
    gegenüber riesigen, glänzenden Düsen sein?

    Die Reise hierher dauerte hundertzweiunddreißig Tage, selbstverständlich
    gemessen in Erd-Zeit – ein durchaus respektables Tempo. Noch vor weniger
    als einer Dekade hätte man für dieselbe Strecke mehr als doppelt so lange
    gebraucht. Und doch können sich hundertzweiunddreißig Tage verflucht
    lange hinziehen, besonders wenn man sie größtenteils in einer Kabine
    verbringt, die nicht viel größer ist als ein Schuhkarton.

    Dank künstlicher Schwerkraft war es immerhin möglich, sich halbwegs
    normal zu bewegen, in einem Bett zu schlafen und seine Notdurft unter
    zivilisierten Bedingungen zu verrichten. Diese kleine Oase der normalen
    Lebensbedingungen vermittelte mir zumindest die Illusion, nicht in einem
    hermetisch abgeriegelten Metallkasten durch das endlose Vakuum zu
    treiben, während draußen das Universum nur darauf lauert, uns bei der
    erstbesten Gelegenheit in seinen unendlichen, kalten Weiten zu verschlingen.

    Für Ablenkung an Bord sorgte vor allem Mertens – der lautstarke
    Mittelpunkt jeder noch so kleinen Diskussion. Seine Eskapaden reichten von
    wütenden Tiraden über die Qualität der Bordverpflegung bis hin zu
    endlosen Diskussionen über die Farbe der Vorhänge im
    Gemeinschaftsraum. Selbst die Schwerkraft schien unter seinen
    Beschwerden zu leiden: Je mehr er sich aufregte, desto schwerer lastete
    seine Anwesenheit auf uns allen.

    Während andere Passagiere – mich eingeschlossen – sich in die Enge ihrer
    Kabinen zurückzogen, schien der Krawallmann seine Bestimmung darin
    gefunden zu haben, die ohnehin schmalen Flure mit seiner Aura der
    Unzufriedenheit zu fluten. Er fluchte über den Mangel an Platz, fand die
    Sitze unbequem, beklagte die dürftige Auswahl an Unterhaltung – und
    fragte in regelmäßigen Abständen, ob es denn wirklich so schwer sei,
    anständigen Kaffee zu servieren.
    Die kollektive Erleichterung, als das Schiff schließlich zur Landung
    ansetzte, war beinahe greifbar. Selbst die Türen zu den Schleusen öffneten
    sich mit einem erleichterten Zischen – als hätten sie endgültig genug von ihm.
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 12:00 Uhr)

  2. #2
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    ERWACHEN

    Ein Geräusch. Ein leises rhythmisches Piepen, das sich zunehmend durch die
    Dunkelheit bohrte.

    Ich spürte ein Gewicht auf meiner Brust, eine lähmende Trägheit in meinen
    Gliedern. Meine Finger tasteten über eine raue Oberfläche – Stoff? Eine
    Decke? Es roch steril, nach Desinfektionsmittel und abgestandener Luft.

    Ich öffnete die Augen. Die Decke über mir war weiß. Kaltes Licht strömte
    aus schmalen Streifen, so grell, dass ich die Augen zusammenkneifen
    musste. Der Raum war still, bis auf das penetrante Piepen, das jetzt deutlich
    lauter erschien als noch gerade eben.
    Ich versuchte mich aufzurichten, doch ein stechender Schmerz schoss mir
    durch den Schädel und zwang mich zurück auf das Kissen. Ein schwaches
    Stöhnen entwich mir. Mein Mund fühlte sich trocken an.

    Ein Name. Mein Name.

    Ich suchte danach, tastete in meinem Kopf nach etwas Vertrautem, aber
    da war nichts. Nur Leere. Kein Name. Keine Erinnerung.
    Mein Herz schlug schneller.
    Wer war ich?
    Geändert von PhoneBone (08.12.2025 um 11:41 Uhr)

  3. #3
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    GEPÄCKAUSGABE

    Ungläubig starre ich auf die gewaltige Glaskuppel. Sie wölbt sich über das
    gesamte Raumhafen-Areal, wie ein umgedrehtes Goldfischglas. Der
    Goldfisch bin ich. Fehlt nur noch ein Kind, das von draußen neugierig die
    Stirn gegen die Scheibe drückt.

    Das eigentliche Highlight der Konstruktion liegt im Zentrum der Kuppel: ein
    riesiges Tor, durch das Raumschiffe ein- und ausfliegen können. Im Moment
    ist es geschlossen, und der Landeplatz, samt mir, vor der lebensfeindlichen
    Marsatmosphäre geschützt. Hoffentlich bleibt das auch so. Ich sehe mich
    schon, hilflos nach Luft schnappend, im roten Staub zappeln, wie ein
    Goldfisch auf dem Trockenen.

    »Oh, tut uns leid, wir haben sie bei der Torfreigabe übersehen.« Der
    Gedanke ist unangenehm genug, um mein Staunen auf später zu
    verschieben und mich stattdessen zügig in Richtung Ankunftshalle zu
    bewegen.

    Das Tor zur Ankunftshalle steht weit offen. Es ist mehr als nur ein
    Durchgang. Es ist der Übergang vom kalten Vakuum des Alls in die künstliche
    Normalität der Kolonien. Und je näher ich komme, desto mehr wächst in mir
    etwas, das ich fast für Neugier halten würde. Vielleicht sogar für Hoffnung.

    Ich lasse meinen Blick durch die Halle schweifen. Manche Passagiere eilen
    wie aufgescheuchte Ameisen scheinbar ziellos umher. Andere stehen in
    kleinen Grüppchen beisammen, führen angeregte Gespräche und wirken
    erleichtert, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
    Ein paar stehen vor den überdimensionalen Infoscreens und starren
    gebannt auf das flackernde Datengewitter, das dort im Sekundentakt neue
    Informationen ausspuckt.
    In einer Ecke hat sich eine Schlange gebildet. Neuankömmlinge reihen sich
    geduldig vor einem grellbunten Verkaufsstand ein, der mit allerlei Mars-
    Nippes lockt. Miniaturshuttles, Mars-T-Shirts, Plüschastronauten mit
    Kulleraugen. Unglaublich, wie zuverlässig wir Menschen uns selbst auf
    einem fremden Planeten noch immer von denselben trivialen Dingen
    begeistern lassen.

    Mein Blick bleibt an einer Frau hängen, die ein paar Meter entfernt an
    einem Stehtisch lehnt. Ihr gelber Mantel sticht aus dem Meer grauer Anzüge
    und Overalls hervor. Sie trägt ihr dunkles Haar kurz, eine schwarze
    Sonnenbrille lässig auf den Kopf geschoben. Als sie kurz aufschaut, treffen
    sich unsere Blicke für einen Moment, doch sie wendet sich gleich wieder ab.
    Ihre Haltung ist aufrecht, ruhig, mit einer Selbstverständlichkeit, die fast
    schon an Arroganz grenzt. Sie steht da, als sei sie es gewohnt, beobachtet
    zu werden, und nippt beiläufig an ihrem Becher. Der gelbe Mantel scheint
    mir eine mutige Wahl zu sein. Ein echtes Statement hier auf dem Mars, wo
    Grau offenbar als Standardfarbe gilt. Will sie sich bewusst von der Masse
    abheben? Oder ist Gelb einfach ihre Farbe?

    Meine Gedanken verlieren sich in Spekulationen, bis eine emotionslose
    Durchsage mich zurückholt. Die Gepäckausgabe hat begonnen.

    Glücklicherweise entdecke ich in all dem Trubel einen auffälligen
    Holoscreen, der mit tanzenden grünen Pfeilen den Weg zur Gepäckausgabe
    weist. Wie einst die drei Könige dem Stern von Bethlehem folgten, lasse ich
    mich von den leuchtenden Pfeilen leiten – hinein in einen breiten Gang, der
    bereits von zahllosen Reisenden gesäumt ist, die offenbar dasselbe Ziel
    haben: ihr Gepäck.

    Ein Raumhafen unterscheidet sich nicht wesentlich von einem Flughafen
    auf der Erde. Man landet, steigt aus, irrt durch endlose Gänge, sucht
    verzweifelt das richtige Förderband - und hofft inständig, dass der Koffer
    nicht in der Umlaufbahn geblieben ist. Oder schlimmer noch: auf der Venus
    gelandet.

    Im Grunde genommen wäre das in meinem Falle aber ohnehin egal, denn
    tatsächlich beschränkt sich der Inhalt meines Koffers auf die minimale
    Grundausstattung, um über die ersten Tage zu kommen: ein paar
    zusammengelegte Standard-Overalls, selbstverständlich in modischem
    Grau, die nötigsten Hygieneartikel und ein DataPad, auf dem ich etwas
    Fachliteratur gespeichert habe.

    Dazu kommt noch mein Rucksack mit den vor dem Flug bereits
    dekontaminierten Kleidungsstücken und einem weiteren DataPad mit noch
    mehr Fachliteratur und einigen Filmen und Musik für die Reise. Von den
    meisten meiner Besitztümer habe ich mich vor dem Abflug getrennt,
    abgesehen von ein paar Erinnerungsstücken, die ich bei meinen Großeltern
    ließ. Aber ob ich jemals zur Erde zurückkehren werde, ist fraglich, ein
    Rückflugticket habe ich jedenfalls nicht.

    Während ich mich in die Schlange vor der Gepäckausgabe einreihe,
    wandert mein Blick noch einmal zurück zu der Frau im gelben Mantel. Sie
    steht immer noch dort, unverändert gelassen. Wartet sie auf jemanden?
    Doch bevor ich mir allzu viele Gedanken machen kann, zieht ein
    altbekannter Passagier meine volle Aufmerksamkeit auf sich.

    Mertens. Natürlich steht er ganz vorne in der Schlange, direkt am
    Gepäckband und ist leider kaum zu übersehen. Sein massiger Körper füllt
    den Raum fast vollständig aus, und sein viel zu enger Overall spannt bei
    jeder ungeduldigen Bewegung bedrohlich. Mit seinem wütenden
    Gesichtsausdruck und den schweißnassen Haaren wirkt er, als hätte man ihn
    direkt aus einem Boxring hierher verfrachtet.

    Er gestikuliert wild mit den Armen, zeigt immer wieder auf die
    Gepäckabfertigung, als könne er die Förderbänder mit bloßer Willenskraft
    beschleunigen. Seine laute Stimme übertönt fast alles andere, während er
    sich bei jedem Raumhafenmitarbeiter beschwert, der unvorsichtig genug
    ist, in seine Nähe zu geraten. In gewohnter Manier kritisiert er alles, von der
    zu grellen Beleuchtung bis hin zur Anordnung der Stühle. Frederik Mertens
    ist ein wahrer Meister darin, sich selbst ins Zentrum jeder Szene zu rücken
    und jede Gelegenheit zu nutzen, um seine chronische Unzufriedenheit
    hinaus in die Welt zu tragen.

    Mit einem amüsierten Grinsen beobachte ich Mertens’ neueste
    Eskapaden, während mein Blick immer wieder suchend über das
    Gepäckband wandert. Seine unverschämte Art und die Tatsache, dass er
    scheinbar überall einen Grund zum Meckern findet, lassen ihn fast wie die
    Karikatur eines unzufriedenen Touristen wirken. Es ist schwer, seiner
    theatralischen Performance nicht zumindest ein Schmunzeln
    abzugewinnen, auch wenn ich insgeheim froh bin, nicht in seiner
    unmittelbaren Nähe zu stehen.

    Ich frage mich, was ihn wohl dazu bewogen hat, ausgerechnet auf den
    Mars zu kommen. Und noch mehr hoffe ich, dass sich unsere Wege hier
    oben nicht allzu oft kreuzen werden.

    Endlich setzt sich das Gepäckband in Bewegung. Bevor die Koffer ihre
    Besitzer erreichen, durchlaufen sie eine faszinierende
    Desinfektionsprozedur: Während sie über das Förderband wandern,
    werden sie von einer schimmernden Energiematrix umhüllt, die sämtliche
    Mikroben irdischen Ursprungs neutralisiert. Diese Maßnahme ist von
    entscheidender Bedeutung, um die Marskolonisten vor potenziell
    katastrophalen interplanetaren Infektionen zu schützen.

    Einige der Siedler leben bereits seit Jahrzehnten auf dem Roten Planeten
    – ihr Immunsystem ist längst nicht mehr auf die aktuellen Krankheitserreger
    der Erde vorbereitet. Durch natürliche Mutationen haben sich irdische
    Mikroorganismen weiterentwickelt, sodass selbst ein harmloser Schnupfen
    für einen Marsbewohner zur tödlichen Bedrohung werden könnte. Die
    Desinfektion ist daher nicht nur Vorsicht, sondern lebenswichtige
    Notwendigkeit.

    Ich denke kurz darüber nach, wie viele Bakterien und Staubpartikel sich
    wohl in meinem Koffer tummeln. Die Technologie scheint ihre Aufgabe ernst
    zu nehmen – hoffentlich nicht zu ernst. Ein kalter Schauer läuft mir über den
    Rücken, als ich mir ausmale, wie plötzlich der Kontaminationsalarm auslöst
    und meine Habseligkeiten kurzerhand vaporisiert werden. Die Vorstellung,
    dass meine Socken und Unterhosen in einem Akt galaktischer Übervorsicht
    pulverisiert werden könnten, ist äußerst unangenehm. Vielleicht hätte ich
    meine Unterwäsche doch noch einmal waschen sollen.

    Erleichterung macht sich breit, als ich meinen kleinen, orangefarbenen
    Koffer unversehrt vom Förderband hebe. Ironischerweise scheint das Karma
    ein besonderes Auge auf Mertens geworfen zu haben - sein Gepäck bleibt
    spurlos verschwunden. Der Gedanke an diese kleine, stille Genugtuung
    entlockt mir ein Schmunzeln, während ich mich Richtung Ausgang bewege.
    Im Vorübergehen überfliege ich kurz die bunt flimmernden Anzeigetafeln,
    die in leuchtenden Farben die Abfahrtszeiten der nächsten Züge zu den
    verschiedenen Kolonien auflisten.
    Ein letzter Blick zurück in die weite Halle des Raumhafens, dann mache ich
    mich entschlossen auf den Weg zum Bahnhof.
    Geändert von PhoneBone (08.12.2025 um 11:58 Uhr)

  4. #4
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    2076-04-19-00632

    Ich zwang mich zur Ruhe. Panik würde mir nicht helfen. Doch wie blieb man
    ruhig, wenn nichts mit einem stimmte?
    Ich betrachtete meine Hand. Die Haut wirkte bleich unter dem kalten,
    diffusen Licht. Eine dünne Kanüle steckte in meinem Handrücken, verbunden
    mit einem transparenten Schlauch, der zu einem kleinen, leuchtenden
    Infusionsmodul führte.

    Auf meiner Brust klebten Elektroden. Mein Blick folgte den zarten Drähten
    zu einem Gerät, das leise summte und mit jedem meiner Herzschläge ein
    einzelnes, präzises Piepen ausstieß.
    Krankenhaus. Das musste ein Krankenhaus sein.
    Aber warum war ich hier?

    Ich versuchte erneut, mich aufzusetzen, diesmal vorsichtiger. Die Welt
    schwankte, meine Arme fühlten sich schwach an, aber ich schaffte es, mich
    aufzurichten. Der Schmerz in meinem Kopf pochte dumpf. Wie lange
    lag ich schon hier?
    Mein Blick fiel auf die Wand gegenüber. Ein großes Display war darin
    eingelassen, dunkel, bis auf eine leuchtende Uhrzeit in der Ecke. 14:32.
    Kein Datum.
    Neben dem Bett stand ein Stuhl, leer. Daneben ein kleiner Tisch mit einem
    Glas Wasser. Meine Kehle fühlte sich rau an, als hätte ich tagelang nicht
    gesprochen. Ich griff nach dem Glas, meine Finger zitterten leicht. Das
    Wasser war kühl und fremd auf meiner Zunge.
    Dann fiel mein Blick auf meinen Arm.

    Dort, knapp unterhalb des Ellbogens, prangte eine Zahl. Schwarz,
    gestochen scharf in meine Haut eingebrannt.
    2076-04-19-00632
    Mein Magen zog sich zusammen. Ich starrte auf die Ziffern. War das meine
    Identifikationsnummer? Mein Patientencode?

    Ich strich mit den Fingern darüber, die Haut fühlte sich glatt an. Ich konnte
    mich nicht an meinen Namen erinnern, doch immerhin hatte ich eine
    Nummer. Beruhigend.

    Langsam ließ ich den Arm sinken und sah mich erneut in meinem Zimmer
    um. Der Raum war schlicht, funktional. Keine persönlichen Gegenstände,
    keine Fenster. Nur glatte Wände, die Luft roch nach Reinigungsmittel. Rechts
    war eine Tür mit einem kleinen, eingebauten Terminal und einer leuchtenden
    Sensorfläche.
    Ich musste hier raus.

    Ich schob die Decke beiseite und schwang vorsichtig die Beine über den
    Bettrand. Der Boden fühlte sich kalt an unter meinen Füßen. Ein Anflug von
    Schwindel ließ mich einen Moment innehalten. Ich holte tief Luft, spannte
    die Muskeln an und versuchte, mich aufzurichten.
    Für einen Sekundenbruchteil dachte ich, es könnte funktionieren.
    Dann gaben meine Beine nach.
    Ein Moment der Schwerelosigkeit – dann krachte ich auf den Boden. Ein
    stechender Schmerz durchfuhr meinen Arm, als die Infusionsnadel aus
    meiner Haut glitt. Ein dünner Strahl Blut quoll aus der Einstichstelle, tropfte
    auf den Boden. Gleichzeitig löste sich etwas von meiner Brust.

    Ich blinzelte. Mehrere kleine Elektroden klebten noch lose an meiner Haut,
    ihre Kabel hingen nutzlos von der Bettkante herab.
    Wie lange hatte ich meine Beine nicht benutzt?
    Ich lag auf dem kalten Boden, unfähig, mich zu bewegen. Mein Körper
    fühlte sich an wie ein fremdes, unbrauchbares Konstrukt aus Muskeln und
    Knochen, das nicht mehr wusste, wie es funktioniert.
    Mein Atem ging schwer. Mein Herz pochte in einem ungleichmäßigen
    Rhythmus. Ich presste die Handflächen gegen den Boden, versuchte, mich
    aufzurichten – vergeblich. Meine Arme zitterten unter der Anstrengung,
    meine Beine blieben reglos.
    Verdammt.
    Ruhig bleiben.

    Ich rollte auf den Rücken und starrte an die Decke.
    Wie lange lag ich hier schon? Wie lange hatte mein Körper nichts getan
    außer atmen?
    Meine Finger wanderten tastend über meinen Arm. Ich war dünn. Zu dünn.
    Ein Geräusch durchbrach die Stille. Ein leises Summen, gefolgt von einem
    mechanischen Klicken.
    Ich drehte den Kopf zur Tür.
    Das Terminal daneben erwachte zum Leben. Eine kühle, synthetische
    Stimme erklang:
    »Patient 00632 – motorische Aktivität erkannt. Medizintechnische
    Assistenz wird eingeleitet.«
    Was zur Hölle bedeutete das?
    Geändert von PhoneBone (08.12.2025 um 13:32 Uhr)

  5. #5
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    ELYSIUM PRIME

    Nachdem ich mich drei Stunden lang, wie ein atomar beschleunigtes Teilchen,
    durch tausende Kilometer unterirdischer Transitröhren habe schießen lassen,
    erreiche ich endlich mein Ziel: Elysium Prime - die größte Kolonie auf dem Mars,
    eingebettet in die gewaltige Elysium Region, die sich über beeindruckende
    2,5 Millionen Quadratkilometer erstreckt.

    Im Nordwesten erhebt sich der majestätische Elysium Mons, ein Vulkan von
    stolzen 12,5 Kilometern Höhe. Für einen Moment habe ich das Bild von Mertens
    vor mir, wie er in einem viel zu engen Raumanzug den steilen Hang hochkeucht,
    unaufhörlich fluchend, der Berg möge ihm gefälligst ein Stück entgegenkommen.
    Der Bahnhof von Elysium Prime ist im Grunde nicht mehr als eine horizontale
    Röhre mit einer weiten Öffnung, durch die Passagiere ein- und ausströmen.
    Die Architektur erinnert entfernt an alte Rohrpostsysteme, von denen ich mal
    in einem Geschichtsblog gelesen habe.

    Als ich hinaustrete, eröffnet sich vor mir das pulsierende Herz dieser riesigen
    Stadt. Hoch aufragende Gebäude mit spiegelnden Glasfassaden recken sich in
    den Himmel wie gigantische Kristalle, die das Sonnenlicht in alle Richtungen
    brechen. Einige von ihnen scheinen hunderte von Stockwerken hoch zu sein.
    Die Straßen sind belebt, voller Menschen in unterschiedlichsten Kleidungsstilen,
    die geschäftig ihren täglichen Aufgaben nachgehen. An den Fassaden mancher
    Gebäude sind leuchtende Werbetafeln angebracht, die in grellen Farben für
    Produkte werben, die mir völlig fremd sind.

    Die Luft ist erfüllt von einem Kaleidoskop an Gerüchen, so vielfältig und
    fremdartig, dass ich kaum einen davon zuordnen kann. Einige scheinen von den
    zahlreichen Straßenständen zu stammen, die sich rund um den Bahnhof gruppieren
    – dort brutzelt, dampft und zischt es, während Händler ihre Waren feilbieten.
    Zwischen den hoch aufragenden Gebäuden entdecke ich riesige Parks, grüne
    Oasen voller üppiger Vegetation und farbenprächtigen Blumen, die in der
    künstlichen Atmosphäre erstaunlich lebendig wirken.

    Die Kuppel über der Kolonie ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen, so hoch
    erstreckt sie sich über die Skyline hinaus.
    Es ist kaum zu fassen, welche Ressourcen hier aufgewendet wurden.
    Überwältigt von all den Eindrücken glaube ich für einen Moment, in der Menge
    einen gelben Stofffetzen aufblitzen zu sehen. Aber vielleicht spielt mir mein
    Wunsch nach etwas Vertrautem auch nur einen Streich. Ich schiebe den
    Gedanken beiseite und ziehe mein DataPad hervor.
    Die Adresse, zu der ich will, ist zu weit entfernt, um zu Fuß zu gehen. Ich
    beschließe, jemanden nach der besten Verbindung zu fragen. Ein paar Meter
    weiter steht ein freundlich wirkender Mann mittleren Alters, der auf jemanden
    zu warten scheint. Kurzes, dunkles Haar, eine auffällige Schmuckkette –
    er vermittelt den Eindruck, als könnte er sich hier auskennen.
    »Entschuldigen Sie«, beginne ich höflich und halte ihm mein DataPad hin.
    »könnten Sie mir sagen, wie ich am besten zu dieser Adresse komme?«
    Er lächelt freundlich. »Klar. Das ist unten im Süden. Du kannst den TransPod
    nehmen - die Station ist gleich um die Ecke. Mit einer der Kapseln kommst
    du direkt zur Elysium-Plaza. Von dort aus ist es dann nicht mehr weit zu
    deiner Adresse.«
    Ich bedanke mich höflich und folge seinem Vorschlag. Tatsächlich ist die
    TransPod-Station kaum zu verpassen. Ein schlichter Turm erhebt sich über
    die Straßenebene.
    Über dem Eingang leuchtet eine Displayanzeige: Station Elysium-Nord –
    TransPod verfügbar. Der Zugang erfolgt über einen automatischen Lift, der
    mich lautlos hinauf zur Plattform bringt. Eine der Kapseln wartet bereits.

    DieTransPods bilden das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in den
    Marskolonien. Sie gleiten auf einem magnetischen Schienennetz durch die
    Stadt, lautlos und effizient.
    Ihre Außenhülle ist aerodynamisch geformt, wie aus einem Guss. Im
    Inneren zeigen Holo-Displays Informationen zur Route, Ankunftszeit und
    aktuelle Nachrichten.
    Die Kabine ist geräumig, die Sitze überraschend bequem, und durch die
    Panoramafenster bietet sich ein fantastischer Blick auf die Stadt.
    Da es keinerlei Bedienelemente zu geben scheint, sage ich einfach
    »Elysium Plaza«. Die Kapsel reagiert sofort und setzt sich sanft in Bewegung.
    Während wir durch die Stadtlandschaft gleiten, erhasche ich immer wieder
    Blicke auf Menschen, die sich geschäftig durch die Straßen bewegen -
    einige auf Scootern, andere auf Bikes, mit Karren oder zu Fuß. Größere
    Fahrzeuge sind kaum unterwegs. Die Straßen wirken sauber und gepflegt,
    die Gebäude glänzen in den unterschiedlichsten Farben und scheinen doch
    in perfekter Harmonie miteinander zu stehen.

    Nur wenige Minuten später erreicht mein TransPod die Plaza Station.
    Mit einem leisen Zischen öffnet sich die Tür. Aufgeregt und neugierig auf
    das, was mich erwartet,
    steige ich aus und nehme den Lift nach unten.
    Als ich aus der Station auf den zentralen Platz trete, bleibt mir kurz die
    Luft weg. Der Anblick ist so surreal, dass ich beinahe vergesse, mich unter
    einer gigantischen Käseglocke auf einem rostroten Wüstenplaneten zu
    befinden. Für einen flüchtigen Augenblick frage ich mich, ob ich nicht doch
    durch ein Wurmloch zurück auf die Erde katapultiert wurde – vielleicht auf
    den Place du Tertre in Paris?
    Der Platz ist gesäumt von charmanten Cafés und farbenfrohen kleinen
    Läden. Unter schattenspendenden Bäumen sitzen Menschen auf Bänken,
    unterhalten sich, lesen oder genießen die friedliche Atmosphäre.
    Straßenhändler bieten Kunstwerke und Waren von der Erde an - und ich
    wundere mich, wie es ihnen wohl gelingt, all diese Dinge hierherzuschaffen.

    Wenn ich der Karte auf meinem DataPad glauben kann, dann sind es nur
    noch etwa zweihundert Meter zu meiner Zieladresse, in einer schmalen
    Gasse, die etwa auf halber Höhe des Platzes nach links abzweigt. Ich folge
    dem Rand des Platzes, lasse den Blick noch einmal über die stimmige
    Szenerie schweifen und sauge die Atmosphäre in mir auf, bevor ich in die
    Gasse trete.
    Gigantische Gebäude säumen den schmalen Weg zu beiden Seiten, ihre
    Fassaden ragen so weit in den Himmel auf, dass sie sich über mir beinahe
    zu berühren scheinen.
    Im scharfen Kontrast zum einladend hellen Platz, ist die Düsternis hier
    erdrückend. Kaum ein Lichtstrahl findet seinen Weg bis hinunter zum Boden.
    Es ist, als hätte ich eine völlig andere Welt betreten: In wenigen Schritten
    vom Boulevard in Paris hinein in die düstersten Gassen New Yorks. Nervös
    starre ich in die Dunkelheit – die Gasse scheint verlassen, aber was, wenn
    jemand aus dem Schatten tritt? Ich versuche, ruhig zu atmen, aber mein
    Herz pocht heftig. Reiß dich zusammen, denke ich. Es ist nur eine Gasse.

    Ich weiß, dass die Kriminalität in Elysium Prime kaum eine Rolle spielt –
    die meisten hier sind wohlhabende Aussteiger von der Erde, Arbeiter,
    Wissenschaftler oder Studenten.
    Sie beschäftigen sich eher mit Forschung, Projekten und Studien als mit
    Überfällen in dunklen Gassen. Trotzdem jagt mir die Enge und Dunkelheit
    dieser Passage einen Schauer über den Rücken.
    Die Adresse auf meinem DataPad führt mich zu einer unscheinbaren Tür,
    eingelassen in eine Wand aus beigem Regolith. Ein seitlich montiertes
    Identmodul aktiviert sich,
    sobald ich näherkomme. Ein kurzer Lichtimpuls tastet mein Gesicht ab –
    biometrische Erkennung. Sekunden später öffnet sich die Tür mit einem
    leisen Summen.
    Ich atme auf, als ich die Schwelle überschreite und das Gebäude betrete.
    Drinnen empfängt mich eine schlichte Lobby. Drei Aufzugstüren reihen
    sich gegenüber auf, eine davon steht bereits offen. Kein Mensch weit
    und breit. Über der geöffneten Tür leuchtet mein Name – eine Einladung.

    Ich zögere kurz, dann nehme ich die Einladung an und trete neugierig in
    die Kabine. Die Tür schließt sich lautlos hinter mir. Kaum spürbar setzt
    sich der Lift in Bewegung
    und innerhalb von Sekunden habe ich die Zugangsebene hinter mir
    gelassen. Die Level auf der Anzeige rasen nur so vorbei. Noch bevor ich
    begreife, wie mir geschieht, bremst der Aufzug bereits wieder ab -
    Level 132.
    Die Tür gleitet geräuschlos auf und gibt den Blick auf das 132. Stockwerk
    frei. Vor mir liegt ein schlichter, geradliniger Gang. Die Wände sind in
    neutralem Weiß gehalten,
    Der Boden mit einem glatten, harten Belag versehen, der meinen Schritten
    einen kühlen hallenden Klang verleiht. Das leise Summen der
    Deckenbeleuchtung ist das einzige Geräusch, das meine Schritte begleitet.
    Der Flur liegt still. Menschenleer.

    Mein DataPad zeigt die Zimmernummer 132-23. Ich folge dem Gang,
    vorbei an Türen, die in regelmäßigen Abständen rechts und links abgehen.
    Die erste Tür rechts trägt die Nummer 132-01, gegenüber liegt 132-02.
    Mein Ziel befindet sich also auf der rechten Seite.
    Ich zähle elf weitere Türen, überprüfe jede Nummer im Vorbeigehen, bis
    ich schließlich vor 132-23 zum Stehen komme.
    Mein Herz rast vor Aufregung. Ich trete näher an den Wandscanner.
    Ein weiterer Lichtimpuls tastet über mein Gesicht. Für einen Moment
    bleibt alles still, als würde das System überlegen. Dann ein leises Klicken.
    Die Tür entriegelt sich und schwingt langsam nach innen auf.
    Der Raum dahinter misst kaum mehr als zwölf, vielleicht dreizehn
    Quadratmeter. Die Wände spiegeln das sterile Weiß des Flurs wider.
    Direkt gegenüber der Tür befindet sich ein großes Fenster, doch
    obwohl ich mich auf Ebene 132 befinde, fällt nur spärlich Tageslicht
    herein. Der Ausblick endet an der Fassade des gegenüberliegenden
    Gebäudes: ebenso farblos, ebenso trostlos.

    An der rechten Wand ist eine einfache Pritsche montiert, das frische
    Bettzeug darauf ordentlich gefaltet. Gegenüber steht ein schmaler
    Schreibtisch, darüber hängt ein veralteter Projektionsschirm - derzeit
    deaktiviert. Ein schlichter Bürostuhl komplettiert den funktionalen
    Arbeitsplatz.
    Daneben steht ein kompakter Schrank, offenbar die einzige Möglichkeit
    persönlichen Kram in diesem winzigen Raum zu verstauen.
    Erst jetzt fällt mir eine Tür auf, die ich zuvor übersehen hatte. Sie führt
    in ein kleines Badezimmer mit Toilette und Dusche. Die Einrichtung ist
    schlicht, aber sauber und gut instandgehalten. Zu meiner Überraschung
    entdecke ich dort eine weitere Tür, die vom Badezimmer aus abgeht,
    vermutlich in das benachbarte Zimmer. Offenbar
    teilen sich jeweils zwei Einheiten ein Bad eine effiziente Lösung in einem
    Gebäude, das auf maximale Raumnutzung ausgelegt ist.
    Erschöpft lasse ich mich auf die Pritsche sinken. Das ist es also.
    Willkommen in meinem neuen Zuhause.
    Auf den ersten Blick wirkt alles etwas Bescheiden – karg, funktional.
    Und doch… ich denke, ich werde das Beste daraus machen. Ein wenig
    Dekoration hier und da, ein paar persönliche Gegenstände, und schon
    wird aus diesem nüchternen Raum mein kleines Reich auf Zeit.
    Gemütlichkeit ist schließlich auch eine Frage der Perspektive.
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 12:35 Uhr)

  6. #6
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    SPIEGELBILD

    Jemand trat durch die geöffnete Tür.
    »Verdammt«
    Die Stimme gehörte einem Mann. Ich versuchte mich zu bewegen,
    ihm irgendwie zu signalisieren, dass ich bei Bewusstsein war. Doch
    mein Körper fühlte sich an, als würde er mir nicht gehören.
    Der Mann kniete sich neben mich. Ein Pfleger. Mitte vierzig vielleicht,
    ernste Augen, eine leichte Unordnung im kurzgeschnittenen Haar.
    Sein Blick prüfend. Lose Elektroden. Blutstropfen auf dem Boden.
    »Hören Sie mich?«
    Ich öffnete den Mund.
    Nichts.
    Etwas in meiner Kehle spannte sich, ein unkontrolliertes Ruckeln
    ging durch meine Lippen, aber kein Laut kam darüber.
    Der Pfleger runzelte die Stirn. »Okay. Nicht sprechen.« Seine Hand
    ruhte beruhigend auf meinem Arm. Dann aktivierte er das Gerät an
    seinem Handgelenk.
    »Patient 00632 ist gestürzt. Ich brauche sofort Unterstützung.«
    Er klang ruhig, aber sein Blick verriet, dass er das nicht erwartet
    hatte. Ich auch nicht.
    Der Pfleger blieb bei mir, während wir warteten. »Keine plötzlichen
    Bewegungen, ja?«
    Als hätte ich eine Wahl.
    »Sie haben wohl versucht aufzustehen?«
    Ich nickte. Zumindest das konnte ich.
    Er atmete langsam aus. »Das dachte ich mir.«
    Hinter ihm hörte ich Schritte. Sie kamen näher.
    »Alles gut, Hilfe kommt«, murmelte er und legte eine Hand auf
    meine Schulter, während er sich halb aufrichtete. Sein Griff war
    fest, aber nicht unangenehm. »Wir bringen Sie wieder ins Bett,
    okay?«
    Ein Teil von mir wollte protestieren. Wollte sagen, dass ich nicht
    einfach wieder zurück in diese sterile Starre konnte. Aber mein
    Körper war anderer Meinung. Und meine Stimme existierte
    ohnehin nicht.
    Also blieb mir nur, den Blick zur Decke zu richten, während
    fremde Hände mich behutsam anpackten und mein eigenes
    Gewicht für mich übernahmen. Sie hoben mich vorsichtig zurück
    aufs Bett.
    Ich spürte den Druck der Matratze unter mir, dann das kühle
    Laken. Jemand strich die Decke über meine Beine.
    »Wir setzen die Infusion neu«, sagte die Stimme des Pflegers,
    der mich gefunden hatte. Ein anderer beugte sich über mich und
    überprüfte die Elektroden, die noch lose an meiner Brust klebten.
    Ich versuchte, mich auf ihre Gesichter zu konzentrieren, etwas
    Vertrautes in ihnen zu finden. Aber sie waren mir so fremd wie
    alles andere in diesem Raum.
    Der erste Pfleger blieb an meiner Seite, während die anderen
    sich um die Geräte kümmerten.
    »Keine Sorge«, sagte er leise. »Alles ist in Ordnung.«
    Eine leere Beruhigung. Nichts war in Ordnung. Gar nichts.
    Einige Minuten später war ich wieder allein.
    Der Monitor neben meinem Bett summte leise. Ich drehte meinen
    Kopf, er zeigte eine Reihe von Werten – wahrscheinlich meine.
    Ich betrachtete die Werte einen Augenblick, sie sagten mir nichts.
    Dann sah ich es.
    Dort, in der dunklen Oberfläche des Monitors, spiegelte sich etwas.
    Jemand.
    Mir stockte der Atem.
    Ein Gesicht starrte mir entgegen. Blass, scharf geschnitten, fremd.
    Dunkle Schatten lagen unter den Augen, die Haut wirkte fahl, als
    hätte sie zu lange kein Sonnenlicht gesehen.
    Die Wangen eingefallen, der Mund eine dünne Linie.
    Ich kannte dieses Gesicht nicht. Aber es war meines.
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 12:38 Uhr)

  7. #7
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    INSTANT NUDELN

    Die paar Habseligkeiten, die ich besitze, finden mühelos Platz in
    dem kleinen Schrank. Zwei DataPads, ein Stapel einfacher
    Kleidungsstücke – das ist im Grunde alles.
    Eins der Pads lege ich griffbereit auf den Schreibtisch, das andere
    wandert zu den Overalls in den Schrank. Beim Auspacken stoße
    ich ganz unten im Rucksack auf etwas, das ich fast vergessen hatte:
    meinen kleinen, abgenutzten Gummi-SpongeBob.
    Ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit.
    Er bekommt natürlich einen Ehrenplatz – mitten auf dem Schreibtisch.
    Der Anblick der Figur löst etwas in mir aus. Eine Welle von
    Erinnerungen, warm und schmerzhaft zugleich. Ich sehe mich wieder
    auf dem Sofa, eng an meinen Vater gelehnt, während wir gemeinsam
    SpongeBob auf seinem DataPad schauten. Dieser gelbe Schwamm
    hatte eine seltsame Gabe: Er brachte uns zum Lachen. Immer.
    Bedingungslos. Egal, wie der Tag gewesen war. Es waren unsere
    intimsten und glücklichsten Momente. Augenblicke, in denen die Welt
    draußen stillstand.

    Bikini Bottom war unser Zufluchtsort. Eine absurde, kleine Oase des
    Lachens, in der alles möglich schien – und in der wir einfach wir selbst
    sein konnten.
    Ein warmes Lächeln huscht über mein Gesicht. Doch dann zieht etwas
    Dunkles an meiner Erinnerung. Wie ein Raubtier, das sich lautlos
    anschleicht. Diese eine Erinnerung. Sie ist immer da. Lauernd.
    Bereit, mich in ihren eisigen Griff zu nehmen.
    Bilder flackern auf. Gell. Schmerzhaft. Sie breiten sich aus wie eine
    Wunde in meinem Geist, reißen alles andere mit sich fort.
    Nicht hier! Nicht jetzt!
    Panik flammt auf. Mein Atem geht stoßweise. Ich versuche, mich zu
    konzentrieren, zwinge mich, ruhig zu atmen. Die Vergangenheit hat
    hier keine Bedeutung mehr, rede ich mir ein.
    Ich bin auf dem Mars. Weit weg von allem.
    Aber die Angst lässt sich nicht so einfach abschütteln.
    Sie kennt keine Entfernung. Keine Zeit. Nur den Weg zurück in
    meinen Kopf.
    Ich fokussiere mich auf meine Atmung. Zähle die Sekunden zwischen
    den Atemzügen. Die dünne, kalte Marsluft beißt in meinen Lungen,
    wie die eisige Erinnerung, die versucht, mich zu ersticken.
    Jeder Atemzug schmeckt nach Metall. Doch ich zwinge mich
    weiterzuatmen, halte mich an den Rhythmus, an den Fluss der Luft,
    der durch meine Lungen strömt. Ein Trick, den ich mir angewöhnt
    habe.
    Ein Anker, wenn die Panik droht, mich zu überrollen. Mit jedem
    Atemzug kehrt ein wenig Klarheit in meinen Kopf zurück. Die Bilder
    verblassen, der Druck auf meiner Brust lässt nach.
    Schließlich wird mein Atem wieder ruhig. Gleichmäßig. Ich habe es
    im Griff. Zumindest für den Moment.

    Noch benommen strecke ich die Hand aus und aktiviere den
    Projektionsschirm über dem Schreibtisch. Ich brauche dringend
    Ablenkung.
    Ohne mein Zutun startet eine virtuelle Tour durch meine neue
    Unterkunft. Eine freundliche, weibliche Stimme erklingt aus dem
    Lautsprecher.
    »Willkommen in der Elysium Prime Residence. Wir freuen uns, dich
    als Teil unserer Gemeinschaft begrüßen zu dürfen.«
    Die Worte werden von einer animierten Visualisierung begleitet,
    stilistische Darstellungen der verschiedenen Einrichtungen, die das
    Gebäude zu bieten hat.
    »Im 135. Stock findest du unsere Gemeinschaftsräume - darunter
    eine Lounge, eine Küche, ein Fitnessstudio und einen Gartenbereich«,
    erklärt die Stimme weiter, während auf dem Bildschirm
    dreidimensionalen Darstellungen der Räume erscheinen. Ich tippe auf
    das Symbol für das Fitnessstudio. Sofort startet eine kurze Animation:
    Menschen laufen auf Laufbändern,
    umgeben von einer virtuellen Marslandschaft – rote Felsen, weiter
    Horizont, ein digitaler Sonnenuntergang.
    Ein weiterer Klick bringt mich in den Garten. Plötzlich bin ich umgeben
    von üppigem Grün, farbenfrohen Blumen, sanft plätschernden
    Wasserläufen. Alles wirkt so viel lebendiger als mein kleines karges
    Zimmer.
    »Du kannst die Einrichtungen zu jeder Zeit nutzen, um andere
    Bewohner zu treffen oder dich zu entspannen«, fährt die Stimme fort.
    Der Gedanke, diese Gemeinschaftsräume tatsächlich aufzusuchen,
    macht mich nervös. Sozialkompetenz war nie meine Stärke, und die
    Vorstellung, fremden Menschen zu begegnen,
    vielleicht sogar ein Gespräch führen zu müssen, das über belanglosen
    Smalltalk hinausgeht, lässt meine Hände jetzt schon feucht werden.
    »Die gemeinschaftlichen Einrichtungen sind mit allen notwendigen
    Annehmlichkeiten ausgestattet. Du kannst hier essen, kochen,
    entspannen und Sport treiben - wann immer es dir passt«,
    schließt die Stimme, bevor der Bildschirm in den Stand-by-Modus
    wechselt.

    Ich starre noch einen Moment auf das dunkle Display. Die Stille im
    Raum scheint plötzlich lauter als zuvor, Und mit ihr kommt die
    Erkenntnis: Ich bin allein. Schon seit einer halben Ewigkeit.
    Vielleicht… sollte ich es wagen. Mich unter Menschen begeben. Auch
    wenn der Gedanke mir Unbehagen bereitet und ich mir noch nicht
    sicher bin, wie ich es vermeiden kann, dabei über meine eigenen Füße
    zu stolpern.
    Mein Magen meldet sich – laut und unmissverständlich. Ich könnte
    natürlich versuchen, mich unauffällig in die Küche zu schleichen und
    etwas Essbares zu finden und dann wieder in mein Zimmer
    verschwinden.
    Ja, das wäre eine Option.
    Aber wer weiß - vielleicht finde ich ja den Mut mich unter die anderen
    Bewohner zu mischen. Und wenn ich es heute ausnahmsweise schaffe,
    mich nicht über den miesen Kaffee zu beschweren…
    was könnte schon schiefgehen?

    Die Gemeinschaftsräume befinden sich drei Stockwerke höher,
    erreichbar über einen separaten Lift am Ende meines Ganges. Als sich
    die Aufzugstüren im 135. Stock öffnen, schlägt mir sofort ein Schwall
    aus Stimmen und Gelächter entgegen, das aus den verschiedenen
    Räumen dringt. Ein Ort voller Leben, ganz anders als der stille
    Korridor meines Stockwerks.
    Ich zögere kurz, dann trete ich in den langen Gang, gesäumt von
    Türen zu beiden Seiten. Die erste Tür links trägt die Aufschrift Küche.
    Zu meiner Erleichterung entdecke ich dort einen Instant-Automaten.
    Kochen war nie meine Stärke – ich gehöre zu den wenigen Menschen,
    die es schaffen, selbst Nudeln im Kochwasser anbrennen zu lassen.
    Der Touchscreen des Automaten präsentiert mir eine beeindruckende
    Auswahl: synthetische Mars-BBQ-Rippchen, exotische
    Fusion-Kreationen, sogar vegane Sushi-Varianten. Ich scrolle durch
    die Optionen, lasse mich kurz von der Vielfalt blenden – und
    entscheide mich dann doch für den Klassiker: Instantnudeln mit
    Tomatensoße. Ein Gericht, das mir schon oft das Leben gerettet hat.
    Die Maschine summt zufrieden und beginnt mit der Zubereitung,
    während ich meinen Blick durch die Küche schweifen lasse. Das
    Kochfeld wirkt abgenutzt, die Markierungen sind kaum noch zu
    erkennen – Spuren zahlloser Mahlzeiten, die hier schon zubereitet
    wurden. In den Schränken darüber lagern vermutlich die
    zugehörigen Töpfe und Utensilien, die sicher schon Generationen
    von Bewohnern gesehen haben.
    Ehrlich gesagt: Ich bezweifle, dass ich jemals in Versuchung
    komme, diese Schränke zu öffnen
    .
    Ein kleiner, unscheinbarer Kasten an der Wand erregt meine
    Aufmerksamkeit. Auf den ersten Blick wirkt er unspektakulär,
    doch der IdentScanner an der Seite macht mich neugierig.
    Ich trete näher und aktiviere ihn. Für einen Moment passiert nichts.
    Schon will ich mich abwenden, da ertönt ein leises Rattern, und die
    Klappe öffnet sich. Kalte Luft strömt heraus, benetzt mein Gesicht
    mit einer dünnen Schicht von Kondenswasser.
    Ein Kühlraum. Offenbar hat jeder Bewohner seine eigene Parzelle.
    Das hier ist dann wohl meine. Ich werfe einen Blick hinein – leer.
    Natürlich. Was hatte ich erwartet? Einen Korb frischer Äpfel?
    In der Mitte des Raums steht ein massiver Esstisch, der schon
    bessere Tage gesehen hat. Seine Oberfläche ist von Kratzern und
    Gebrauchsspuren gezeichnet. Und doch strahlt er etwas aus –
    Geschichte, Gemeinschaft. Wie viele Menschen haben hier wohl
    schon gesessen, gegessen, gelacht, gefeiert?

    Ein Fenster in der gegenüberliegenden Wand bietet einen
    atemberaubenden Blick auf die Stadt unter uns. Das diffuse Licht
    der Mars-Sonne taucht den Raum in ein sanftes Rot.
    Eine junge Frau betritt die Küche. Ihre dunklen, kurzen Haare
    stehen in alle Richtungen ab, ungekämmt und wild, und doch liegt
    darin eine seltsame Ordnung, als hätte jedes Strähnchen genau
    seinen Platz.
    Ihre Kleidung ist schlicht, funktional. Nichts Auffälliges. Und
    trotzdem füllt sie den Raum mit einer Präsenz, die man schwer
    ignorieren kann. Sie ist nicht laut oder aufdringlich,
    sondern ruhig und irgendwie selbstverständlich, als wäre sie der
    natürliche Mittelpunkt, ohne sich darum bemühen zu müssen.
    »Hola, wie läuft's?«
    Ihre Stimme ist warm, freundlich, als würden wir uns schon ewig
    kennen. Ein Hauch von spanischem Akzent schwingt mit – kaum
    hörbar, aber unverkennbar.
    Ohne auf eine Antwort zu warten, tritt sie an mir vorbei, als wäre
    meine Anwesenheit nicht weiter von Bedeutung. Zielstrebig steuert
    sie auf den Kühlkasten zu. Ich beobachte, wie sich die Klappe öffnet.
    Anders als vorhin ist die Box nun prall gefüllt mit frischem Gemüse,
    verpackten Fertiggerichten und bunten Getränkeflaschen. Offenbar
    ist das hier ihre Parzelle.
    Zugegeben - der Anblick lässt einen Anflug von Neid in mir aufsteigen.
    Doch ich lasse mir nichts anmerken.
    »Ich warte darauf, dass mir dieser Instant-Automat hoffentlich
    genießbare Nudeln ausspuckt«, sage ich schließlich.
    »Bis jetzt läuft’s ganz okay.«
    Gelassen greift sie nach einem Joghurt und einer Flasche Wasser,
    mustert mich kurz - und grinst
    »Ich bin sicher, der Automat legt sich für dich extra ins Zeug. Ich bin
    übrigens Lisa. Bist du neu hier?«
    Ich nicke »Ja, gerade erst angekommen. Ich bin Timo… aber alle
    nennen mich 'Shade'.«
    Ein sanftes Lächeln huscht über ihr Gesicht.
    »Schatten? Wirklich? Interessanter Spitzname. Aber hey - solange
    du nachts nicht durch die Zimmer schleichst und den Bewohnern
    das Blut aus den Adern saugst…«
    Ein gequältes Lächeln zuckt über mein Gesicht.
    »Ja, 'Shade'…«, murmle ich. »Das hat angefangen, als ich noch ein
    Kind war. Damals war ich…ziemlich unauffällig, glaube ich.«
    Ich blicke auf. Lisa lehnt sich lässig gegen den Küchenschrank, nippt
    an ihrer Flasche und sieht mich noch immer an.
    »Unauffällig?« Sie zieht eine Augenbraue hoch und grinst. »Das
    kann ich mir kaum vorstellen. Du wirkst nicht wie jemand, der
    sonderlich unauffällig ist.«
    Ihre Worte treffen mich unerwartet. Ich zucke mit den Schultern,
    lächle schwach.
    »Damals schon. Ich war der Typ, den niemand wahrgenommen hat.
    Sogar den selbstgefälligen Arschlöchern, die sonst Kinder wie mich
    drangsalieren, war ich zu langweilig.
    Erst verpassten sie mir den Spitznamen Schatten, dann wurde
    daraus irgendwann Shade. Das war’s.«
    Lisa betrachtet mich einen Moment lang. Ihr Blick ist ruhig,
    nachdenklich. Ich weiß nicht, ob sie wirklich an meiner Geschichte
    interessiert ist oder einfach nur höflich zuhört.
    »Shade… klingt irgendwie cool«, sagt sie schließlich.
    »Wie ein Superheld.«
    Ich lache leise.
    »Ja, genau das dachte ich irgendwann auch. Ich mochte die
    Vorstellung, ein Superheld zu sein. Mit Superkräften.«
    Es fühlt sich seltsam an, das laut auszusprechen – zu persönlich.
    Zu kindlich vielleicht. Doch Lisa nickt ernst, als hätte sie genau das
    erwartet.
    »Vielleicht hast du ja wirklich eine geheime Superkraft. Du weißt
    nur noch nichts davon«, meint sie augenzwinkernd, während sie den
    Joghurt öffnet.
    Ich sehe sie an, versuche in ihrem Gesicht zu lesen, ob sie mich
    aufzieht. Aber sie wirkt entspannt. Aufrichtig.
    »Vielleicht« sage ich schließlich, mit einem Hauch Ironie in der
    Stimme. »Oder ich bin einfach gut im Verstecken.«
    »Verstecken ist auch eine Kunst«, erwidert Lisa mit einem Lächeln.
    »Vielleicht sogar eine Superkraft.«
    Für einen Moment entsteht eine angenehme Stille zwischen uns.
    Dann piept der Automat und reißt mich aus meinen Gedanken.
    Die Nudeln sind fertig.
    »Tja«, sage ich und drehe mich zum Automaten, »dann werde ich
    mal sehen, ob diese Nudeln auch Superkräfte verleihen.«
    Lisa lacht leise.
    »Sag mir Bescheid, wenn sie es tun.«

    Sie greift nach ihrer Wasserflasche und macht sich auf den Weg zur
    Tür. Bevor sie die Küche verlässt, dreht sie sich noch einmal zu mir um.
    »Hey - falls du nachher noch Zeit hast: in der Lounge sitzen ein paar
    interessante Leute rum. Es lohnt sich, sie kennenzulernen.«
    Ich blicke ihr nach. Überrascht von dem Angebot. Im Raum bleibt ein
    seltsames Gefühl zurück – Vertrautheit, obwohl wir uns nicht kennen.
    Als hätte diese kurze Unterhaltung etwas geöffnet,
    das ich lange verschlossen gehalten habe.
    Ich bleibe stehen, den Blick immer noch auf die Tür gerichtet.
    Lisas Worte hallen in mir nach. Interessante Leute. Kennenzulernen.
    Das war nie meine Stärke gewesen – das Kennenlernen. Ich war immer
    der Typ, der lieber am Rand blieb. Unauffällig. Still. Doch irgendwas ist
    diesmal anders. Vielleicht liegt es an Lisa. An ihrer Art,
    die Dinge so selbstverständlich und leicht wirken zu lassen.
    Ich schiebe mir eine Gabel Nudeln in den Mund, aber mein Kopf ist
    längst in der Lounge. Vielleicht sollte ich wirklich hingehen.
    Sozialisieren ist definitiv nicht meine Superkraft - aber vielleicht ist es
    an der Zeit, das zu ändern. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nicht auf den
    Mars reisen müssen, nur um genauso weiterzumachen wie bisher.
    Mein altes Leben hätte ich genauso gut auf der Erde fortsetzen können.
    Aber das hier… das soll ein echter Neuanfang sein. Neue Umgebung.
    Neue Menschen. Neue Möglichkeiten. Und das bedeutet auch,
    Dinge anders anzugehen.
    Vielleicht ist jetzt der Moment, endlich aus dem Schatten zu treten.
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 12:48 Uhr)

  8. #8
    Mitglied Avatar von PhoneBone
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    Kurze Zwischenfrage: Liest das jemand, also soll ich noch ein paar mehr Kapitel hier reinstellen? Oder ist das Interesse eher gering? Frage für einen Freund

  9. #9
    Mitglied Avatar von PhoneBone
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    scheint eher kein Interesse zu bestehen. Auch gut

  10. #10
    Mitglied Avatar von frank1960
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    Zitat Zitat von PhoneBone Beitrag anzeigen
    scheint eher kein Interesse zu bestehen. Auch gut
    Über 1400 mal aufgerufen. Hier in diesem Bereich hab Ich das Gefühl, wird selten kommentiert. Also nicht aufgeben. Ich habe den ersten Abschnitt mitgelesen, konnte aber durch bestimmte Umstände nichts dazu sagen. Mir kam in den Sinn, guter Stoff für eine (oder mehrere, mit einander verbundenen) Kurzgeschichten, weiß aber natürlich nicht, was du im Schilde führst, obwohl, wie du selbst erklärst, Ausschnitt eines grösseren Projektes. Mir ist leider die Geduld abhanden gekommen, mich auf längere Texte einzulassen, es trotzdem bis hierher geschafft und finde deine Schreibe tatsächlich durchaus beeindruckend. Also, Shade, gibs weiterhin dem Mertens.
    The Importance of Being Earnest

  11. #11
    Mitglied Avatar von PhoneBone
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    Zitat Zitat von frank1960 Beitrag anzeigen
    Über 1400 mal aufgerufen. Hier in diesem Bereich hab Ich das Gefühl, wird selten kommentiert. Also nicht aufgeben. Ich habe den ersten Abschnitt mitgelesen, konnte aber durch bestimmte Umstände nichts dazu sagen. Mir kam in den Sinn, guter Stoff für eine (oder mehrere, mit einander verbundenen) Kurzgeschichten, weiß aber natürlich nicht, was du im Schilde führst, obwohl, wie du selbst erklärst, Ausschnitt eines grösseren Projektes. Mir ist leider die Geduld abhanden gekommen, mich auf längere Texte einzulassen, es trotzdem bis hierher geschafft und finde deine Schreibe tatsächlich durchaus beeindruckend. Also, Shade, gibs weiterhin dem Mertens.
    Hui...sehe den Kommentar jetzt erst. Danke Frank! Tatsächlich handelt es sich hier um die ersten 7 Kapitel eines bereits fertig geschriebenen Romans, der insgesamt 85 Kapitel umfasst (ca. 500 Standardseiten). Momentan wird er gerade von mehreren Personen testgelesen und gleichzeitig überarbeite ich den Text auch gerade nochmal komplett (nicht inhaltlich, nur die Formulierungen, quasi ein Eigen-Lektorat). Ich plane nächstes Jahr dann vielleicht auch ein professionelles Lektorat (je nachdem, wie die Test-Lesungen abschneiden). Dann sehen wir mal weiter

  12. #12
    Mitglied Avatar von frank1960
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    Hört sich vielversprechend an. Demnächst womöglich in Buchform? Da können wir gespannt sein.
    Vielleicht darf Ich bescheidenerweise erwähnen, dass meine Versuche in diese Richtung keine Früchte getragen haben. Mein "Kriminalroman" war schon nach wenigen Seiten als ernüchterndes Fiasko zu identifizieren. Zu viel klischeehafte Ironie, vollgepackt mit Handlung, als wenn Ich den Fall schon im ersten Kapitel lösen wollte. Dabei keinen Plan, wo das alles hin sollte. Einfach drauf los geschrieben. Funktionierte überhaupt nicht. Frustrierendes Ende einer hoffnungslosen Schriftstellerkarriere.
    The Importance of Being Earnest

  13. #13
    Mitglied Avatar von PhoneBone
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    Okay, machen wir noch ein bisschen weiter. Vielleicht interessiert sich ja doch noch jemand

    IDENTITÄT

    Ein leises Geräusch riss mich aus dem Schlaf – das Surren der Tür.
    Ich blinzelte ins gedimmte Licht. Mein Körper fühlte sich schwer an,
    meine Glieder schienen mir noch immer nicht ganz zu gehören.
    Ein Mann stand am Fußende meines Bettes.
    Mittleres Alter, weiche Gesichtszüge, ein kühler, aber nicht
    unfreundlicher Blick. Sein weißer Kittel war makellos, ein schmaler
    ID-Chip funkelte an seiner Brust. In den Händen hielt er ein DataPad.

    »Guten Morgen«, sagte er.
    Seine Stimme war ruhig, abwartend.
    Ich sagte nichts.

    Er musterte mich kurz, dann trat er näher. »Wie fühlen Sie sich?«
    Ich suchte nach einer Antwort. Was sollte ich sagen? Dass mein Kopf
    sich anfühlte, wie ein leeres Blatt? Dass mein Körper ein nutzloser
    Haufen Fleisch war, der mir nicht gehorchte?

    »Ssch…sch..wach….«, brachte ich mühsam hervor. Es klang rau, fast
    wie, wenn ich versuchen würde, ein mir fremdes Instrument zu
    spielen.

    Er nickte, als hätte er das erwartet. »Es wird noch dauern, bis Ihre
    Stimme wieder normal funktioniert.« Er schien nicht sonderlich
    besorgt. »Es wird langsam besser werden«, fügte er hinzu.
    »Sie haben sich lange nicht bewegt. Der Körper braucht Zeit.«
    Er tippte etwas in sein Tablet, dann musterte er mich erneut.
    »Erinnern Sie sich an Ihren Namen?«

    Die Antwort war einfach und sie machte mir eine Scheißangst.
    »Nein.«

    Er legte den Kopf leicht schief, musterte mich, als hätte ich gerade
    etwas Interessantes gesagt. Dann lächelte er. »Gedächtnisverlust
    nach längerer Bewusstlosigkeit ist nicht ungewöhnlich.«

    Seine Finger glitten erneut über das DataPad. »Erinnern Sie sich
    an irgendwas? Einen Ort, eine Person, ein Ereignis?«

    Ich versuchte es. Wirklich. Suchte in meinem Kopf nach etwas
    Vertrautem, nach einem Bild, einer Stimme, einer Erinnerung,
    die mir gehörte.

    Doch da war nichts als Leere. Kein verschwommenes Gesicht,
    keine Geräusche, noch nicht einmal ein Gefühl.
    Ich schüttelte den Kopf.

    »Interessant« murmelte der Arzt und machte sich eine Notiz.
    »Ihr Zustand ist stabil – das ist zunächst das Wichtigste.«
    Er schrieb weiter, dann sah er auf.

    »Ihr Körper muss sich langsam wieder an Bewegung gewöhnen.
    Wir beginnen mit physiotherapeutischen Übungen. Der Einstieg
    wird beschwerlich sein, aber Sie werden rasch Fortschritte machen.«
    Fortschritte. Ein Wort, das nach Zukunft klang. Ich hatte nicht mal
    eine Vergangenheit.

    »Sie waren sehr lange bewusstlos«, sagte er. »Ihrem Zustand nach
    zu urteilen, müssen es Wochen gewesen sein. Vielleicht sogar Monate.«
    Eine eisige Kälte kroch mir durch die Eingeweide. »Aber… wer… hat
    mich hierher… gebracht?« Meine Stimme war kaum mehr als ein
    Flüstern.

    »Man hat Sie auf einer Bahre in der Notaufnahme gefunden. Alleine.
    Wir haben die Aufnahmen der Überwachungskameras geprüft«, beginnt
    er langsam.

    »Zwei Männer in Sanitäter Uniformen haben Sie herein geschoben. Sie
    blieben nur wenige Minuten, haben mit niemandem gesprochen. Dann
    sind sie gegangen.«

    Mein Herz begann zu rasen. »Und… Sie wissen nicht, wer sie waren?«
    »Nein.« Seine Stimme war kühl, sachlich. »Ihre Uniformen hatten keine
    Kennzeichnung. Wir haben ihre Gesichter durch unsere Datenbank
    gejagt. Kein Treffer.«

    Ich schluckte. »Wer… bin ich?« Meine Zunge fühlte sich an wie
    Schleifpapier, aber diesmal waren meine Worte klarer, fester.
    Der Arzt senkte den Blick, als wolle er seine Worte erst sortieren.
    »Das ist der zweite Punkt.« Eine Pause, dann: »Sie wurden ohne
    Identifikation eingeliefert.

    Kein ID-Chip, keine Papiere, keine persönlichen Gegenstände. Nichts.«
    Ich spürte, wie sich meine Finger in das Bettlaken krallten.
    »…selbst ihre Fingerabdrücke sind in unserem System nicht hinterlegt.«
    »Dann… weiß niemand, wer ich bin?«

    Der Arzt hob den Blick und sah mir in die Augen. Lange. Dann
    schüttelte er den Kopf. »Nein.«
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 12:52 Uhr)

  14. #14
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    DIE LOUNGE

    Der Flur, der zur Lounge führt, ist hell erleuchtet. die Wände - wie
    überall im Gebäude – präsentieren sich in einem nüchternen,
    unauffälligen Grau. Die Lounge selbst ist größer als ich erwartet
    habe, mit einer Vielzahl an niedrigen Tischen, um die sich tiefe
    Sessel und gemütlich aussehende Sofas gruppieren.
    Das Licht ist gedämpft, deutlich wärmer als das im Gang,
    insgesamt strahlt der Raum eine angenehm entspannte Atmosphäre
    aus.

    Ich entdecke Lisa, die an einem der Tische inmitten einer kleinen
    Gruppe sitzt. Sie winkt mir fröhlich zu.
    »Shade!«, ruft sie über die Runde hinweg. »Komm her, ich möchte
    dir die anderen vorstellen.«
    Ich erwidere ihr Winken und schlendere langsam hinüber zu dem
    vollbesetzten Tisch - bemüht, meine Nervosität nicht allzu
    offensichtlich werden zu lassen.

    Ganz gelingt mir das nicht.

    Der Erste, der mir ins Auge fällt, ist ein Mann mit auffallend leuchtend
    blauen Haaren.
    »Das hier ist Alex«, sagt Lisa, und er hebt mit einem breiten, offenen
    Grinsen die Hand zum Gruß.
    »Ingenieur«, ergänzt sie. »Er tüftelt an neuen Antriebssystemen.«
    Alex‘ Grinsen wird noch ein wenig breiter. »Vielleicht bringe ich uns
    eines Tages schneller zu den Sternen.«
    »Kommt wohl drauf an, ob die Physik mitspielt«, entgegne ich und
    versuche dabei krampfhaft locker zu klingen.
    »Tut sie nicht immer«, meint Alex mit einem Schulterzucken.
    »Aber ich arbeite daran, sie mir gefügig zu machen.«
    Sein trockener, pragmatischer Humor gefällt mir sofort.
    Keine großen Worte, keine überzogenen Gesten - aber er wirkt wie
    jemand, der anpackt und Dinge möglich macht.

    »Und das hier ist Maria«, sagt Lisa und deutet auf die Frau
    gegenüber von Alex. Sie trägt einen auffällig makellos weißen
    Overall. Kein einziger Fleck, keine Spur von Abnutzung.
    Als wäre er gerade erst aus der Verpackung genommen worden.
    Ihre Haltung ist ruhig, fast reglos, doch in ihren Augen liegt eine
    wache Präsenz.
    Sie mustert ihre Umgebung mit der stillen Intensität einer
    Forscherin, als würde sie unaufhörlich nach winzigen Veränderungen
    suchen, die alles bedeuten könnten.
    »Ihre Welt ist die der Pflanzen«, erklärt Lisa. »Eine fragile Welt –
    besonders hier, auf einem Planeten, der das Leben nicht gerade
    willkommen heißt.«
    Maria hebt den Kopf. Eine kleine, kontrollierte Bewegung, die
    dennoch Wirkung zeigt. Ihr Gesicht strahlt Konzentration aus,
    durchzogen von einer leisen Freundlichkeit,
    die echt wirkt – nicht aufgesetzt, sondern tief verwurzelt. »Ich
    arbeite vor allem an der Anpassung von Pflanzen an die
    Bedingungen hier auf dem Mars«, sagt sie.
    Ihre Stimme ist ruhig und klar, wie die einer Person, die weiß,
    was sie tut – und keine großen Worte braucht, um das zu
    beweisen.
    »Klingt spannend«, sage ich, bemüht, ihrer Ernsthaftigkeit
    gerecht zu werden. In Wahrheit verstehe ich kaum etwas von
    Pflanzen.
    Aber irgendetwas an ihr – an der Art, wie sie spricht, wie sie
    sich bewegt – lässt keinen Zweifel daran, dass Präzision für sie
    mehr ist als nur ein Prinzip.
    Es ist ihr Wesen. Ihr Overall wirkt, als hätte er nie einen Fleck
    gesehen. Als wäre ihre Arbeit ebenso makellos wie ihr Auftreten.
    Und vielleicht ist sie genau das: jemand, der Ordnung in eine
    Welt bringt, die sich dem Leben widersetzt.

    Ein paar Plätze weiter sitzt ein älterer Mann, den ich bisher kaum
    wahrgenommen habe. Er wirkt, als sei er nur körperlich anwesend –
    der Geist irgendwo anders,
    tief versunken in die Inhalte seines DataPads. Seine Finger gleiten
    ruhig, fast meditativ über das Display, als folgten sie einer
    vertrauten Choreografie.
    Sein Gesicht kommt mir seltsam vertraut vor. Nicht auf eine
    konkrete Weise, eher wie ein Echo. Wie ein Bild aus einem Traum,
    das sich beim Erwachen nicht mehr greifen lässt.
    »Das ist Dr. Williams«, sagt Lisa leise, fast ehrfürchtig. »Früher
    Geschichtsprofessor. Heute dokumentiert er die Marskolonisation.
    Wenn es um Missionen, Namen, Daten geht – er kennt sie alle.«
    Dr. Williams hebt kurz den Blick. Ein flüchtiges Nicken, kaum mehr
    als ein Hauch von Geste. Dann kehrt seine Aufmerksamkeit zurück
    zum Bildschirm.
    Doch dieser eine Moment – dieser Blick – löst etwas in mir aus.
    Etwas Unbestimmtes. Für einen Wimpernschlag lang habe ich das
    Gefühl, er hätte mich durchschaut.
    Nicht gesehen, sondern erkannt.
    Ich schüttle innerlich den Kopf. Unsinn. Ich kenne ihn nicht. Und
    doch bleibt das Gefühl, als würde ein Teil von mir versuchen, sich
    zu erinnern.
    Ein leiser Druck legt sich auf meine Brust. Nicht unangenehm,
    aber hartnäckig. Ich zwinge mich, den Gedanken loszulassen.
    Vielleicht ist es nur die Müdigkeit. Oder die dünne Luft. Oder beides.

    »Und der junge Mann hier ist Mark«, sagt Lisa, während dieser mir
    mit einem breiten Grinsen locker zunickt. »Geologie Student«,
    ergänzt sie. »Wenn jemand den Mars kennt, dann er.«
    »Gestein und Staub«, sagt Mark - und klingt dabei, als spräche er
    von einem Schatz, nicht von trockener Materie. »Der Planet erzählt
    dir viel, wenn du ihm zuhörst.«
    Ich muss schmunzeln. »Du scheinst dich ja richtig in den Mars
    verliebt zu haben.«
    »Nichts geht über eine gesunde Beziehung zum Boden, auf dem du
    stehst«, erwidert er mit einem Augenzwinkern. Irgendwie mag ich
    ihn sofort.
    »Wenn du mal nicht schlafen kannst, lass dir von Mark einfach alles
    über die Zusammensetzung des Marsbodens erzählen«, ruft Alex
    lachend dazwischen.
    Mark zuckt mit den Schultern, als wäre das gar keine schlechte Idee.
    »Ich garantiere dir: Nach zehn Minuten bist du entweder eingeschlafen
    – oder du willst selbst Geologe werden.«

    »Und zu guter Letzt haben wir Emily«, sagt Lisa, und mein Blick trifft
    auf die junge Frau, die mir schon zu Beginn der Vorstellungsrunde
    aufgefallen war.
    Sie lächelt und nickt mir freundlich zu.
    »Astrophysik, richtig?«, fragt sie - und ich bin für einen Moment
    überrascht. Nicht nur, weil sie recht hat, sondern weil sie es mit einer
    solchen Selbstverständlichkeit sagt,
    als stünde es in leuchtenden Buchstaben auf meiner Stirn.
    »Ja, genau. Du auch?«
    »Mhm«, bestätigt sie. »Sieht ganz so aus, als würden wir im selben
    Boot sitzen.«
    »Oder auf demselben Planeten«, erwidere ich und muss lachen.
    Der Witz ist flach, aber sie lacht mit – und das reicht.
    Es fühlt sich seltsam beruhigend an, jemanden zu treffen, der
    denselben Weg gewählt hat.
    »Dann laufen wir uns bestimmt öfter über den Weg«, sage ich.
    Emily lächelt. »Das hoffe ich.«

    »Setz dich«, sagt Lisa und deutet auf einen freien Stuhl am Tisch.
    »Ich hab doch gesagt, hier gibt’s interessante Leute.«
    Ich zögere nur kurz, dann folge ich ihrer Einladung und lasse
    meinen Blick noch einmal über die Gruppe schweifen. Vielleicht
    ist das hier wirklich der Anfang von etwas Neuem.
    Vielleicht beginnt hier meine Geschichte. Ob ich darin der Held
    sein werde – oder eher der Typ, der in den ersten fünf Minuten
    draufgeht – das steht noch aus.
    Meine Entscheidung, Astrophysik auf dem Mars zu studieren,
    war kein Ergebnis jahrelanger Leidenschaft oder eines
    ausgeklügelten Plans. Es war ein Impuls.
    Ein Bauchgefühl, dem ich gefolgt bin.

    Tatsächlich war der eigentliche Auslöser ein dringendes Bedürfnis,
    etwas Grundlegendes in meinem Leben zu verändern - und ein
    Werbeplakat an meiner Schule.
    Astrophysik auf dem Mars stand da. Für mich klang das wie der
    größtmögliche Neuanfang, den ich mir vorstellen konnte.
    Ich erzähle Lisas Freunden von meiner Reise hierher. Die Geschichten
    über Mertens‘ Eskapaden bringen alle zum Lachen.
    Mark wischt sich die Tränen aus den Augen, Emily klatscht begeistert
    in die Hände und selbst Dr. Williams legt für einen Moment sein
    DataPad beiseite und schenkt mir ein amüsiertes Schmunzeln.
    Es fühlt sich ungewohnt an, im Mittelpunkt zu stehen. Ungewohnt –
    aber nicht unangenehm. Eine wohlige Wärme breitet sich in mir aus.
    Nicht nur, weil sie lachen, sondern weil sie meinetwegen lachen.
    Weil ich etwas teile, das ankommt. Zum ersten Mal seit Langem
    habe ich nicht das Gefühl, der »Shade« von der Erde zu sein –
    der Schattenmann, der sich am Rand hält, der immer unsichtbar bleibt.
    Hier könnte ich jemand Neues sein. Hier könnte ich Shade, der
    Superheld sein.

    Doch die Ketten der Vergangenheit sind schwer. Ein leiser Stich
    durchfährt mein Herz, als meine Gedanken für einen Moment in jene
    dunklen Zeiten auf der Erde abdriften – dorthin,
    wo ich nie wirklich irgendwo dazugehört habe. Meine Kindheit war eine
    lange Abfolge von Momenten der Einsamkeit. Das Verhältnis zu meinen
    Großeltern, bei denen ich aufwuchs, war von kühler Distanz geprägt.
    Sie bemühten sich, mir Liebe und Geborgenheit zu geben, aber ich
    konnte diese Nähe nicht zulassen. Etwas in mir sperrte sich dagegen.
    Mein Leben war überschattet von einem einzigen Gedanken - einem
    Warum das alles andere dominierte.
    Ich zog mich zurück, versteckte mich hinter meinem eigenen Schatten.
    Ein einsamer Wanderer auf einem Planeten voller Menschen. Die Erde
    fühlte sich leer an, bedeutungslos.
    Nichts konnte diesen einen Gedanken aus meinem Kopf verdrängen.
    Ein sanfter Stupser reißt mich zurück in die Gegenwart.
    »Alles Okay bei dir?« Marks Blick ist besorgt.
    »Du warst kurz total abwesend.«
    Ich zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht und nicke. »Ja, alles gut«,
    murmle ich. »Ich war nur gerade in Gedanken.«
    Doch während ich das sage, wird mir bewusst, wie viel ich bereits
    von mir preisgegeben habe. Für die anderen waren es vermutlich
    nur belanglose Worte – kleine Anekdoten,
    ein paar Lacher. Aber für mich fühlt es sich an wie mehr. Wie der erste
    Schritt aus dem Schatten.
    Mark lehnt sich entspannt zurück und schenkt mir ein verständnisvolles
    Lächeln. »Ja, das kenne ich gut. Am Anfang prasselt alles gleichzeitig
    auf einen ein – so viele neue Eindrücke,
    dass man sich fast überwältigt fühlt. Als ich vor sechs Monaten hier
    ankam, ging es mir genauso. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran,
    dass hier alles anders läuft als auf dem guten alten blauen Planeten.«
    Ich nicke zustimmend und versuche, wieder ins Gespräch zu finden.
    »Erzähl mir mehr von dir, Mark. Du studierst Geologie, richtig?«
    »Genau. Schon als Kind fand ich Steine faszinierend. Während die
    anderen auf dem Fußballplatz herumrannten, war ich im Steinbruch und
    habe Gesteinsschichten analysiert«, sagt er und schmunzelt.
    Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Wenn ich an Geologen denke,
    stelle ich mir immer introvertierte, graubärtige Typen vor, die in
    abgelegenen Höhlen vor sich hin graben.«
    Mark grinst breit. »Tja, dann sieh mich als den Indiana Jones der Geologie.«
    Ich ziehe eine Augenbraue hoch »Indiana Jones? Du meinst diese uralten
    Filme über den Schatzsucher mit der Peitsche?«
    »Genau«, bestätigt er und ahmt eine Peitschenbewegung nach. »Okay,
    vielleicht bin ich nicht ganz so cool wie Indy, aber Geologen entdecken
    auch verborgene Schätze – nur eben in Form von Gestein.
    Und auf dem Mars gibt’s davon reichlich.«
    Bevor ich antworten kann, tritt Lisa zwischen uns. »Ihr versteht euch ja
    prächtig«, sagt sie schmunzelnd. »Ich unterbreche euer Gespräch nur ungern,
    aber ich wollte Emily die anderen Gemeinschaftsräume zeigen. Vielleicht
    willst du mitkommen, Shade?«
    Ich zögere einen Moment, bevor ich nickend zustimme. »Warum nicht?
    Wir quatschen später weiter, wenn das für dich okay ist, Mark?«
    »Klar, kein Stress«, antwortet er und erhebt sich leicht, um sich zu
    verabschieden. »Bis später dann. Ich würde auch lieber mit zwei netten
    Damen das Wohnheim erkunden,
    als mir langweilige Geschichten über Marsgesteine anhören zu müssen«,
    sagt er mit einem Augenzwinkern.
    Ich kann mir ein breites Grinsen nicht verkneifen und folge Lisa und Emily -
    ungewohnt gut gelaunt - aus der Lounge.
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 13:03 Uhr)

  15. #15
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    THERAPIE

    Ich wusste nicht, was schlimmer war – die Hilflosigkeit, oder die Aussicht darauf,
    dass sie verschwinden würde.
    Mein Körper war ein Fremder. Ein widerspenstiges, zitterndes Ding, das mir
    einfach nicht gehorchen wollte. Und doch erwartete sie, dass ich es benutzte.
    »Langsam« sagte die Physiotherapeutin. »Nicht erzwingen.«
    Leicht gesagt. Meine Beine fühlten sich an, als hätte jemand sie mit Blei gefüllt.
    Meine Muskeln brannten schon nach den ersten leichten Bewegungen.
    Ich saß auf der Bettkante, die Füße auf dem Boden, das Gewicht vorsichtig
    verlagernd. Es war ein absurder Kampf – ein Erwachsener, der versuchte,
    stehen zu lernen.

    Der Boden war kalt. Das war das Einzige, das sich eindeutig anfühlte.
    »Ihr Kreislauf muss sich erst wieder an die Belastung gewöhnen«, erklärte sie.
    »Wenn Ihnen schwindlig wird, lehnen Sie sich zurück.«
    Ich spannte die Muskeln an, verlagerte das Gewicht ein wenig nach vorne und
    stellte mich langsam auf meine Beine. Ich erwartete, dass sie jeden Moment
    nachgaben, aber sie hielten.
    Zumindest für den Moment.
    »Gut so«, sagte sie. »Jetzt versuchen Sie, die Balance zu halten.«
    Balance. Ein einfaches Wort für etwas, das sich unmöglich anfühlte.
    Ich atmete flach, konzentrierte mich auf meine Füße, die Beine, den Rücken.
    Alles in mir wollte sich dagegen wehren, als würde mein Körper selbst nicht
    glauben, dass das hier möglich war.

    Mein Kopf dröhnte, mein Rücken war schweißnass. Aber ich hielt mich aufrecht.
    Zumindest für ein paar Sekunden.
    Dann gaben meine Beine nach.
    Doch ich fiel nicht. Die Therapeutin griff mir blitzschnell unter die Arme und
    stabilisierte mich.
    »Nicht schlimm«, meinte sie. »Fürs erste Mal was das sehr gut.«
    Gut. Es fühlte sich nicht gut an, aber es war ein Anfang
    Die Tage verstrichen in einem zähen Rhythmus aus Übungen, Untersuchungen
    und Warten. Mein Körper gehorchte mir nur widerwillig, aber er lernte –
    langsam, mühsam.

    Stehen, ohne sofort einzuknicken. Einen Schritt machen, dann zwei. Jeder
    einzelne kostete mich mehr Kraft, als ich je für möglich gehalten hätte.
    »Ihr Fortschritt ist gut«, sagte die Therapeutin. »Der Körper erinnert sich, auch
    wenn es sich gerade nicht so anfühlt.«

    Der Körper erinnert sich.
    Mein Kopf tat es nicht.
    Geändert von PhoneBone (10.12.2025 um 15:01 Uhr)

  16. #16
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    BLUMENMEER

    Lisa, schätzungsweise Ende Zwanzig, verließ ihre Heimatstadt Madrid vor
    fünf Jahren, um hier auf dem Mars Exobiologie zu studieren. Ihre
    Begeisterung für das Thema ist beinahe ansteckend. Während wir den
    Korridor entlanggehen, erzählt sie uns mit leuchtenden Augen von der
    Anpassungsfähigkeit bestimmter Mikroorganismen an die extremen
    Bedingungen der Marsoberfläche. Hin und wieder schleichen sich spanische
    Wörter in ihre Sätze, wie kleine, warme Erinnerungen an ihre irdischen
    Wurzeln.

    Lisa hat diese natürliche Freundlichkeit, die es leicht macht, sich in ihrer
    Gegenwart wohlzufühlen. Ihre Art, mit Menschen zu interagieren – offen,
    aufmerksam, zugewandt – lässt keinen Zweifel daran, dass sie hier so etwas
    wie ein sozialer Knotenpunkt ist. Fünf Jahre Erfahrung mit dem Leben auf
    dem Mars machen sie zu einer wertvollen Anlaufstelle, besonders für
    Neulinge wie Emily und mich.

    Unser erster Halt ist das kleine Fitness Studio. Normalerweise würde ich
    einen Ort wie diesen meiden, aber die geringe Gravitation wird mich wohl
    bald eines Besseren belehren. Spätestens, wenn meine Muskeln auf die
    Hälfte ihrer ursprünglichen Masse geschrumpft sind, werde ich mich mit
    den Geräten anfreunden müssen. Noch immer sind meine Bewegungen
    wegen der Gravitation etwas unbeholfen – als hätte mein Körper vergessen,
    wie man das Gleichgewicht hält. Ein Wettrennen gegen Mertens würde ich
    im Moment wohl haushoch verlieren.

    Ich schiele zu Lisa hinüber. Ihr athletischer, durchtrainierter Körper lässt
    keinen Zweifel daran – sie ist hier Stammgast.

    Während sie Emily die Funktionen einiger Geräte erklärt, lasse ich meinen
    Blick durch den Raum schweifen. Auf den Laufbändern liefern sich ein paar
    Studenten ein Rennen, eingebettet in eine dreidimensionale Projektion der
    Marsoberfläche. Fasziniert beobachte ich das Geschehen. Für einen
    Moment meine ich fast, den aufgewirbelten Staub auf der Haut zu spüren.

    Als wir schließlich das Studio verlassen, erwartet mich die größte
    Überraschung des Tages hinter einer Tür mit der Aufschrift Garten.
    Der Anblick auf der anderen Seite trifft mich wie ein Schlag. Ich bleibe stehen.
    Unfähig, das Gesehene sofort zu begreifen. Vor uns breitet sich eine grüne
    Oase aus. Üppig, lebendig, voller Farben und Düfte. Ein Ort, der eigentlich
    nicht hierhergehört. Ein Ort, der wirkt, als hätte jemand ein Stück Erde in
    diese fremde Welt verpflanzt. Für einen Moment glaube ich, wieder zu
    Hause zu sein.

    Der Garten liegt auf dem Dach des 134. Stockwerks – ein geschlossener
    Ring aus üppiger Vegetation, der das 135. Stockwerk wie eine Insel in der
    Mitte umschließt. Darüber ragt der Turm weiter in den Höhe, Stockwerk um
    Stockwerk, bis sich die Spitze wie eine Nadel in den Himmel bohrt. Der
    Anblick ist spektakulär.

    Staunend blicke ich auf ein endlos wirkendes Meer aus zarten, purpurnen
    Blüten, die sich sanft im künstlichen Wind wiegen.

    »Woher kommt der Wind?«, frage ich neugierig.

    Lisa deutet nach oben, auf die gewaltigen Luftaustauscher, die in die
    Kuppelkonstruktion integriert sind.

    »Von dort oben«, erklärt sie. »Die Frischluft wird von hier aus in die ganze
    Kolonie verteilt – und überschüssiges CO? gleichzeitig nach draußen geleitet.«

    Während ich fasziniert Lisas Erklärungen über die technischen Details
    lausche, bleibt mein Blick an einem dichten Strauch mit leuchtend
    orangefarbenen Beeren hängen, dessen sattgrüne Blätter das schwindende
    Marslicht auf faszinierende Weise reflektieren. Die Vielfalt in diesem Garten
    ist überwältigend. Ich erkenne kaum eine der Pflanzen wieder.

    Wir folgen Lisa tiefer hinein, einen verschlungenen Pfad entlang, der sich
    durch das dichte Grün windet. Auch Emily scheint von der Schönheit dieses
    Ortes gefangen – seit wir den Garten betreten haben, hat sie kein Wort
    gesagt. Stattdessen wandert ihr Blick staunend von Pflanze zu Pflanze, als
    wolle sie jedes Detail in sich aufsaugen.

    Mir geht es genauso. Ich will nichts vergessen. Kein Blatt, keinen Duft,
    keinen Lichtreflex. Neben einem Holunderbusch entdecke ich eine Staude
    mit riesigen, roten Blättern. Sie wirkt, als wolle sie sich mit aller Kraft von
    ihrer Umgebung abheben – als müsste sie gesehen werden.

    In regelmäßigen Abständen ranken sich seltsame Bäume in die Höhe,
    deren Nadeln in einem hellen Blau schimmern. Mit Einbruch der Dunkelheit
    beginnen sie zu fluoreszieren – ein leises Leuchten, das sich wie ein Schleier
    über die Umgebung legt. Die verzweigten Äste formen ein lebendiges Dach,
    hoch über unseren Köpfen. Tagsüber muss es hier angenehm schattig sein.
    Ich trete näher. Zwischen den Nadeln entdecke ich kleine, gläserne Blüten,
    in denen sich das letzte Licht des Tages bricht. Neugierig berühre ich eines
    der zarten Gebilde – und bin überrascht, wie fest sich die Blüte anfühlt.
    Nicht zerbrechlich, wie erwartet. Sondern widerstandsfähig. Fast trotzig.

    Etwas abseits des Weges fällt mir eine einzelne Blume ins Auge. Sie ist
    wunderschön. Ihre seidigen Blütenblätter schimmern in einem tiefen,
    verführerischen Lila, durchzogen von feinen silbernen Linien, die ein
    kompliziertes Muster bilden. Sie scheint nicht von dieser Welt zu sein –
    fremdartig, unnahbar. Und doch zieht sie mich an – auf eine Weise, die mein
    rationales Denken überlagert.

    Ein seltsamer Drang überkommt mich. Als könnte diese Pflanze all das von
    mir nehmen, was auf mir lastet. Als würde eine Berührung genügen, um neu
    zu beginnen – frei von den Schatten, die mich verfolgen.

    Meine Atmung wird flach. Ich strecke die Hand aus. Die Farben pulsieren vor
    meinen Augen, ihr Duft – süß, aber mit etwas Unbestimmtem – zieht mich
    tiefer in ihren Bann. Es ist, als hätte sie ein eigenes Bewusstsein. Als würde
    sie mir zuflüstern, dass alles anders werden kann, wenn ich sie nur berühre.

    Doch kurz bevor meine Finger die seidigen Blütenblätter erreichen, packt
    mich eine Hand grob am Arm und reißt mich zurück.

    »¡Ay, Dios mío! ¡Stopp, Shade! ¡No toques eso! Nicht anfassen!« Lisas
    Stimme ist scharf, durchdringend.

    Ihre Augen sind geweitet, ihr Griff fest – beinahe schmerzhaft.

    Die Leichtigkeit, die sie sonst ausstrahlt, ist verschwunden.

    »Warum?«, frage ich benommen, noch immer gefangen von der
    unwiderstehlichen Schönheit dieser Pflanze. Langsam lichtet sich der Nebel
    in meinem Geist. Stück für Stück kehrt die Realität zurück.

    »Diese Blume…«, beginnt Lisa ernst, »ist keine gewöhnliche Pflanze. Ihr
    Toxin ist extrem gefährlich. Schon der geringste Hautkontakt reicht aus,
    damit das Gift in deinen Kreislauf gelangt. Es wandert direkt ins Gehirn –
    und verursacht einen Rausch, der dich für Tage die Kontrolle verlieren lässt.«

    Verblüfft frage ich: »Wie kann es sein, dass eine so gefährliche Pflanze hier
    frei im Garten wächst?«

    Lisa lacht kurz auf: »Das ist nur eine der vielen Besonderheiten dieses
    Gartens. Heute dient er vor allem der Entspannung, aber ursprünglich war
    er ein Experimentierfeld. Die Universität hat hier Pflanzen genetisch
    verändert, um sie an die Bedingungen des Mars anzupassen. Manche haben
    dabei Eigenschaften entwickelt, mit denen niemand gerechnet hat.«

    Sie deutet auf die Blume. »Diese hier wird offiziell noch für Studien über
    Halluzinogene verwendet. Inoffiziell nutzen manche sie, um sich regelmäßig
    gewaltig zuzudröhnen. Wenn du also nicht gerade auf der Suche nach einem
    besonderen Mars-Trip bist – lieber Abstand halten.«

    Ich weiche eilig einen Schritt zurück – vielleicht auch zwei. Die Vorstellung,
    meinen Verstand an eine Blume zu verlieren, jagt mir einen kalten Schauer
    über den Rücken.

    »Danke für die Rettung«, murmle ich dankbar. »Nicht unbedingt die Art
    von Begrüßung, die ich mir für meinen ersten Tag vorgestellt habe.«

    Lisa lächelt und zeigt auf eine andere Pflanzengruppe in unserer Nähe.

    »Sieh dir die dort an - unsere Mars-Wunderpflanzen. Genetisch modifiziert,
    damit sie in den kargen Böden des Mars gedeihen. Sie helfen bei der
    Sauerstoffproduktion und filtern gleichzeitig Schadstoffe aus der Luft. Eines
    Tages könnten sie sogar beim Terraforming helfen. Aber das ist noch längst
    nicht alles.«

    Während wir weiter durch den Garten spazieren, erklärt Lisa, wie die
    Vielfalt der Pflanzen hier nicht nur der Umweltkontrolle dient, sondern auch
    dem Überleben auf dem Mars. Manche eignen sich als Nahrungsquelle,
    andere liefern wichtige Rohstoffe, und einige werden medizinisch genutzt.
    Neue Pflanzen werden zunächst in experimentellen Gärten wie diesem
    angebaut – erst später, wenn sie sich bewährt haben, in größeren Mengen
    in den Gewächshäusern außerhalb der Kolonien gezüchtet. Jede Pflanze
    hier scheint ihre eigene Geschichte zu erzählen.

    Emily, die bisher kaum ein Wort gesagt hat, stößt plötzlich ein leises
    Lachen aus. »Das ist alles so surreal hier. Ich kann’s kaum fassen«, sagt sie,
    legt den Kopf in den Nacken und blickt zu den schimmernden Blättern über
    uns. »Aber irgendwie auch faszinierend.«

    Sie ist Anfang zwanzig, trägt schulterlanges, glattes, hellbraunes Haar und
    eine Brille, die ihren leicht verträumten Blick noch unterstreicht. Während
    wir durch den Garten schlendern, fällt mein Blick immer wieder auf ihren
    linken Arm. der fast komplett von einem einzigartigen Tattoo bedeckt ist -
    eine stilisierte Rüstung, durchzogen von einem tiefen Riss. Dahinter
    schimmert ein fein schattiertes, anatomisches Herz, so detailreich, dass es
    fast lebendig wirkt. Das Bild ist wie ein Widerspruch in sich: Stärke und
    Verletzlichkeit, Schutz und Offenheit, vereint in einem einzigen Motiv. Für
    einen Moment frage ich mich, welche Geschichte wohl dahintersteckt.

    Emily stammt aus Seattle. Ihre Leidenschaft für Astrophysik hat sie von
    ihrem Großvater geerbt. Die beiden waren oft in den Bergen unterwegs,
    haben dort gemeinsam die Sterne beobachtet. Ihre Faszination für den
    Kosmos begann genau dort – unter freiem Himmel, fernab der Stadtlichter.

    Unsere Unterhaltung verstummt, als wir das Ende des Pfades erreichen.
    Vor uns: ein hüfthohes Geländer am Rand des Gartens. Dahinter öffnet sich
    der Blick auf Elysium Prime. Die Aussicht ist dramatisch. Die untergehende
    Sonne taucht die Stadt in ein flirrendes Farbenspiel. Jenseits der Kuppel
    zeichnen sich die schwarzen Silhouetten der endlosen, rauen Marswüste
    gegen den orangen Himmel ab. In der Ferne steigt ein heller Punkt in den
    Himmel. Ist das die Fähre, mit der ich heute angekommen bin? Der winzige
    Lichtpunkt verschwindet bald am Horizont, doch sein Bild brennt sich in
    meinem Gedächtnis ein.

    Langsam spüre ich die Erschöpfung. Zu viele Eindrücke für einen einzigen
    Tag. Zeit, schlafen zu gehen.

    Mit einem Grinsen verabschiede ich mich von Emily und Lisa. »Vielleicht
    schaue ich noch bei unserer blumigen Freundin vorbei - nur, um Hallo zu
    sagen, versteht sich.«

    Emily lacht, Lisa wirft mir einen amüsierten Blick zu.

    Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer im 132. Stock –
    bereit für meine erste Nacht in dieser neuen Welt.
    Geändert von PhoneBone (14.11.2025 um 13:37 Uhr)

  17. #17
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    ARES CORPORATION

    Der Rollstuhl war eine Erleichterung. Und eine Demütigung.
    Ich hasste es, auf die Hilfe eines anderen angewiesen zu sein, aber meine
    Beine ließen mir keine Wahl. Elena Carter, meine Therapeutin – eine ruhige,
    geduldige Frau mit einem unerbittlichen Sinn für Disziplin – schob mich aus
    dem Zimmer, hinaus in einen breiten, hell erleuchteten Gang.

    Die Wände waren glatt, steril, in regelmäßigen Abständen unterbrochen
    von geschlossenen Türen, hinter denen vermutlich weitere Patienten ein
    ähnlich trostloses Dasein fristeten, wie ich. Die Luft roch nach
    Desinfektionsmittel, das leise Summen des Belüftungssystems hallte durch
    den Gang.
    Es fühlte sich unwirklich an.
    Ich hatte Wochen in diesem einen Raum verbracht. Jetzt sah ich zum ersten
    Mal, dass die Welt außerhalb tatsächlich existierte.
    »Wir machen nur eine kurze Runde«, sagte die Therapeutin. »Nicht überanstrengen.«
    Als hätte ich dazu eine Wahl.
    Sie schob mich weiter den Gang hinunter. Ein Pfleger eilte an uns vorbei,
    ein Arzt, der vor einer der verschlossenen Türen stand, blickte flüchtig von
    seinem Tablet auf, ansonsten beachtete mich niemand. Ich war nur ein
    weiterer Patient.
    Schließlich öffnete sich eine Tür, und wir rollten in einen Raum, der
    erheblich größer war als mein Zimmer. Kein Fenster. Graue Wände. Ein paar
    Stühle, einige Tische. Allmählich fragte ich mich, ob wir uns in einem
    unterirdischen Bunker befanden. An der Wand hing ein großer Bildschirm,
    auf dem Nachrichten liefen. Eine Sprecherin berichtete über die neuesten
    Ereignisse: Überschwemmungen in Neu-Delhi, Evakuierungen in den
    Küstenzonen von Florida, neue Rekordtemperaturen in Spanien. Die
    Sprecherin sprach schnell, routiniert, als wären Katastrophen längst Teil
    ihres Alltags.

    Ein Mann mit eingefallenen Wangen saß zusammengesunken in einem
    Sessel, sein Blick leer. Eine Frau auf der anderen Seite des Raums spielte
    gedankenverloren mit einem Plastikarmband. Zwei weitere Patienten
    unterhielten sich leise, ihre Stimmen nicht mehr als ein dumpfes Murmeln.
    Elena parkte mich in einer freien Ecke.
    »Ich lasse Ihnen etwas Zeit, um sich zu orientieren«, sagte sie. »Ich bin gleich zurück.«
    Dann ging sie, und ich blieb zurück in diesem Raum, zwischen Menschen,
    die mich nicht kannten – so wie ich mich selbst nicht kannte.

    Ich konzentrierte mich auf den Bildschirm und versuchte den Meldungen
    zu folgen, doch es war, als würde ich einer fremden Sprache lauschen. Politik,
    Wirtschaft, Katastrophen – Themen, die keine Bedeutung für mich hatten,
    als stammten sie nicht aus meiner Welt.
    Dann fiel ein Name.
    »Ares Corporation.«
    Ich erstarrte. Mein Herz schlug plötzlich schneller.
    Es ging um irgendeinen Unfall. Was genau geschehen war, ging in dem
    Wirrwarr aus Diagrammen und Textnachrichten unter. Doch der Name
    rührte etwas in meinen Schädel. Etwas, das mir sofort wieder entglitt, sobald
    ich versuchte, danach zu greifen.
    Ich bekam gar nicht mit, wie Elena zurückkam und plötzlich wieder hinter
    mir stand.
    »Ich denke, das reicht für heute«, sagte sie und schob den Rollstuhl bereits
    in Richtung Ausgang.
    Ich nickte knapp, den Blick noch immer auf den Bildschirm geheftet, die
    Sprecherin hatte schon wieder das Thema gewechselt.

    Wir rollten zurück durch den kargen Gang. Ich schwieg, versuchte meine
    Gedanken zu ordnen – zumindest die paar, die ich noch hatte. Elena
    bemerkte, dass mich etwas beschäftigte.
    »Ist alles in Ordnung?«, fragte sie.
    »Ares Corporation«, sagte ich. »Was ist das?«
    Elena schien im ersten Moment überrascht von meiner Frage, bis ihr wohl
    wieder einfiel, dass ich nicht mal meinen eigenen Namen kannte.
    »Sie haben die Meldungen verfolgt«, stellte sie fest. »Die Ares Corporation
    baut unterirdische Tunnel auf dem Mars, um die Kolonien miteinander zu
    verbinden. Weil die Erde langsam den Dienst verweigert. Zumindest sagen
    das die Leute, die sich ein Ticket nach da oben leisten können.«
    Etwas regte sich in mir. Eine Erinnerung? Die Information war mir nicht
    fremd, das spürte ich. Dennoch blieb sie ohne Bezugspunkt. Ich wusste nicht,
    warum, aber ein Unbehagen regte sich in mir – eine negative Emotion, die
    mit diesem Namen verknüpft zu sein schien.
    »Was ist passiert?«, wollte ich wissen.
    Elena zuckte mit den Schultern. »Ganz genau habe ich die Meldungen
    nicht verfolgt, aber es gab wohl vor ein paar Monaten eine Explosion mit
    vielen Toten.«

    Das war es nicht. Diese Information ließ nichts in mir anklingen. Es war der
    Name selbst, der das Unbehagen in mir auslöste.
    Elena sagte nichts weiter. Die Räder des Rollstuhls surrten leise über den
    glatten Boden, während sie mich zurück in mein Zimmer schob.
    Ich starrte vor mich hin, versuchte den Namen in meinem Kopf zu greifen,
    ihn irgendwo zu verankern. Ares Corporation. Mars. Tunnel. Es gelang mir nicht.
    »Klingelt da irgendwas?«, fragte Elena schließlich.
    Ich zögerte. Was sollte ich sagen? Dass sich der Name anfühlte wie ein
    Splitter unter der Haut? Dass ich das Gefühl hatte, etwas mit diesem Namen
    zu verbinden?
    »Nein«, log ich.
    Sie schien mir nicht zu glauben, aber sie hakte auch nicht weiter nach.
    Stattdessen öffnete sie die Tür zu meinem Zimmer und rollte mich hinein.
    »Das war genug für heute«, sagte sie, während sie die Bremsen des
    Rollstuhls arretierte. »Ruhen Sie sich aus. Morgen sehen wir weiter.«
    Ich nickte, sagte nichts.

    Als sie gegangen war, blieb ich eine Weile einfach sitzen. Irgendwo im Flur
    entfernten sich ihre Schritte. Dann war es still.
    Ares Corporation.?

  18. #18
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    RÜHREI MIT SPECK

    Als ich die Augen öffne, fühle ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit
    wirklich erholt. Eine Nacht ohne Alpträume, ohne Panikattacken, die mich
    sonst mit klopfendem Herzen senkrecht im Bett sitzen lassen. Der Mars
    scheint bereits einen positiven Effekt auf meine Psyche zu haben. Ich hoffe,
    das bleibt so.

    Noch etwas benommen schäle ich mich aus dem Bett und schlurfe zum
    Badezimmer. Mit einem herzhaften Gähnen lege ich die Hand auf den
    Türöffner - und warte. Nichts passiert. Die Tür bleibt verschlossen. Noch
    einmal. Wieder nichts. Ich fluche leise und hämmere gegen die Tür, bis mir
    schlagartig klar wird: Ich teile das Bad mit meinem Nachbarn. Ich Esel! Der
    steht vielleicht gerade nackt auf der anderen Seite – und denkt sich
    vermutlich seinen Teil. Idiot wäre da noch die freundlichste Variante. Bravo,
    ein Einstand nach Maß.

    »Tut mir leid!«, rufe ich, in der Hoffnung, noch etwas zu retten. Doch von
    drinnen kommt keine Reaktion.

    Ich lege mein Ohr an die Tür und lausche angestrengt. Nichts.
    Schulterzuckend wende ich mich ab und trotte hinüber zum Fenster, um die
    Morgensonne zu begrüßen und weil mir sonst nichts Besseres einfällt, die
    Zeit zu überbrücken. Überraschung! Der trostlose Ausblick von gestern ist
    haargenau gleichgeblieben. Das lichtverschlingende Nachbargebäude steht
    noch immer direkt vor meinem Fenster, so nah, dass ich einem Bewohner
    gegenüber vermutlich die Hand schütteln könnte – wenn das Fenster sich
    denn öffnen ließe. Tut es aber nicht, und damit wird es dann wohl auch
    nichts mit meiner nachbarschaftlichen Freundschaft. Schade eigentlich.

    Das Wichtigste heute: Lebensmittel. Meine traurige Kühlparzelle schreit
    förmlich nach Aufmunterung. Zum Glück beginnen die Vorlesungen erst
    nächste Woche – genug Zeit also, um die Uni-Sachen später zu regeln und
    mich erstmal um die wirklich essenziellen Dinge zu kümmern. Ich aktiviere
    den Holoschirm und überfliege neugierig die aktuellen Schlagzeilen.
    Vielleicht habe ich insgeheim auf etwas Spektakuläres gehofft – eine neue
    Entdeckung, ein dramatischer Zwischenfall, irgendetwas mit Explosionen.
    Stattdessen: Die erfolgreiche Ernte in den Hydroponik-Gärten hebt die
    Selbstversorgungsquote der Marskolonien auf ein neues Niveau. Bravo!
    In meiner Kühlparzelle herrscht trotzdem gähnende Leere. Immerhin: ein
    Forschungsteam hat in der Valles Marineris neue Mineralien entdeckt. Ob
    Mark da wohl seine Finger im Spiel hatte? Außerdem wurden neue
    Wohnmodule in Betrieb genommen, und der Wetterbericht warnt vor
    einem Staubsturm in den nächsten 48 Stunden. Aber was kümmert mich
    das Wetter draußen, wenn ich hier unter einer überdimensionalen
    Käseglocke mit künstlichem Wind sitze?

    ich wechsle zur Serviceübersicht und finde direkt auf der ersten Seite
    einen Lieferdienst, der verspricht, sämtliche Bestellungen innerhalb von drei
    Stunden direkt an meine Kühlparzelle zu liefern. Klingt fast zu gut, um wahr
    zu sein. Das Angebot ist erstaunlich vielfältig – ich entscheide mich für
    proteinreiche Algenprodukte, ein paar Erfrischungsgetränke, frisches Obst
    und etwas Gemüse.

    Kaum habe ich die Bestellung abgeschlossen und den Bildschirm in den
    Stand-by-Modus versetzt, höre ich ein leises Klicken - die Badezimmertür
    wird entriegelt. Endlich! Mein Mitbewohner ist offenbar fertig. Bevor er es
    sich anders überlegt, eile ich ins Bad und verschließe die Tür hinter mir.
    Während ich meinen hygienischen Pflichten nachkomme, regt sich in mir
    eine wachsende Neugier: Wer ist dieser mysteriöse Mitbenutzer?

    Das Badezimmer verfügt über ein raffiniertes Verriegelungssystem: Sobald
    man die Tür auf der eigenen Seite öffnet, wird die gegenüberliegende
    automatisch verriegelt. Ich habe es ausprobiert – das System weiß stets
    genau, wer sich gerade im Raum befindet. Natürlich könnte man auf die
    Idee kommen, die eigene Tür einfach offen zu lassen, um dem Mitbenutzer
    den Zugang zu verwehren – was selbstverständlich völlig außerhalb meines
    moralischen Horizonts liegt. Doch das Bad ist cleverer: Bleibt eine der Türen
    länger als zwei Minuten offen, während der Raum leer ist, schließt sie sich
    automatisch und gibt die andere Seite frei.

    Mein Magen meldet sich mit einem unüberhörbaren Knurren – höchste
    Zeit, mich nach einem Frühstück umzusehen. Gestern hatte ich auf der
    Elysium Plaza ein paar vielversprechende Cafés entdeckt. Klingt nach einer
    ausgezeichneten Option für mein erstes Frühstück auf dem Mars.

    Ich schlüpfe in einen meiner grauen Overalls, ziehe die abgetragenen
    Turnschuhe an und mache mich auf den Weg nach unten. Im Aufzug kommt
    mir kurz der Gedanke, ob es hier eigentlich auch ein Treppenhaus gibt – ein
    Gedanke, den ich im 132. Stock allerdings ebenso schnell wieder verwerfe.

    Während der Fahrt nach unten spüre ich, wie mir das Blut aus den Beinen
    in den Kopf schießt und mein Magen sich langsam Richtung Lunge verlagert
    – wie in einem dieser Freefall-Tower aus dem Freizeitpark. Meine Großeltern
    hatten mich einmal in so ein Ding geschleppt, vermutlich in der Hoffnung,
    unsere Beziehung zu vertiefen. Der Versuch endete mit einem vollgekotzten
    T-Shirt.

    Unten angekommen, trete ich mit sauberem Overall hinaus in die Gasse.
    Der helle Marsmorgen lässt die Umgebung weit weniger bedrohlich wirken
    als noch am Vortag. Die Gebäude glänzen im ersten Sonnenlicht, und die
    Kuppel über uns bricht das Strahlen der aufgehenden Sonne in einem
    warmen, goldenen Schimmer. Für einen flüchtigen Moment meine ich
    sogar, das Zwitschern der Rotkehlchen im Garten meiner Großeltern zu hören.

    Als ich das nächstgelegene Café erreiche, bin ich überrascht, wie belebt es
    um diese Uhrzeit bereits ist. Die Tische draußen sind restlos besetzt –
    Menschen sitzen beisammen, sind vertieft in angeregte Gespräche oder
    starren konzentriert auf ihre DataPads. Ein verführerischer Duft nach frisch
    gebrühtem Kaffee und warmem Gebäck liegt in der Luft. Mein Magen nimmt
    das ebenfalls zur Kenntnis und meldet sich mit einem unmissverständlichen
    Grummeln zurück.

    Drinnen finde ich einen freien Tisch direkt am Fenster – mit perfektem
    Blick auf das geschäftige Treiben draußen auf dem Platz. Die Speisekarte
    erschlägt mich zunächst mit einer Fülle exotischer Gerichte, von denen viele
    klingen, als stammten sie eher aus dem Labor als aus einer Küche.
    Schließlich entscheide ich mich für ein pflanzliches Rührei mit knusprigem
    Veggie-Speck, frisch gepressten Orangensaft und eine Scheibe getoastetes
    Malz-Brot. Das Rührei schmeckt verblüffend authentisch, der Speck ist
    herrlich rauchig, und dem Orangensaft würde man nie anmerken, dass die
    Früchte in einem Mars-Gewächshaus gereift sind. Selbst der Kaffee stammt
    von hier – der erste Schluck ist bitter, kräftig und genau richtig. Mertens
    wäre sprachlos. Und das will etwas heißen.

    Während ich mein Frühstück genieße und den Blick über die belebte
    Elysium Plaza schweifen lasse, entdecke ich plötzlich Mark. Er schlendert
    gerade am Café vorbei. Ich klopfe ans Fenster, um seine Aufmerksamkeit zu
    erregen, und winke ihm aufgeregt zu.
    »Mark!«, rufe ich und deute auf den freien Platz mir gegenüber.
    Er bleibt stehen, wirkt einen Moment lang irritiert – als müsse er mich erst
    einordnen. Doch dann erscheint ein breites Grinsen auf seinem Gesicht, und
    er betritt das Café.
    »Hey Shade, wie geht’s? Was machst du hier?«, fragt er, während er sich
    zu mir setzt.
    »Ich genieße mein erstes Mars-Frühstück – was sonst?«, antworte ich und
    deute auf meinen Teller. »Das Mars-Rührei ist der Hammer.«
    Mark lacht und winkt der Bedienung, um sich eine Tasse Kaffee zu bestellen.
    »Wie war euer Rundgang gestern?«, fragt er.
    Ich erzähle ihm von meiner unangenehmen Begegnung mit der Mars-Blume.
    Mark sieht mich zunächst erschrocken an – dann brechen wir beide in
    schallendes Gelächter aus. Ich mochte ihn auf Anhieb. Zwischen uns herrscht
    eine Vertrautheit, als würden wir uns schon ewig kennen. Und dennoch ist da
    etwas in ihm, das sich mir entzieht – als würde er etwas verbergen. Vielleicht
    fühle ich mich ihm deshalb so verbunden.

    Ich erwähne, dass meine Vorlesungen erst nächste Woche beginnen und ich
    bis dahin noch etwas Zeit totschlagen muss.
    »Wie bist du eigentlich ausgerechnet auf Astrophysik gekommen?«, fragt
    Mark, während er an seinem Kaffee nippt.
    ich zögere einen Moment, bevor ich antworte. »Um ehrlich zu sein…
    Astrophysik interessiert mich gar nicht so sehr. Ich wollte einfach nur weg.
    Weg von der Erde.«
    Er nickt langsam, als würde er mich vollkommen verstehen.
    »Manchmal weist der Zufall einem den richtigen Weg«, sagt er leise – und

    seine Worte hallen in mir nach.
    War das eine Lebensweisheit? Oder eine Andeutung?
    Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, spricht er schon weiter:
    »Übrigens, nächste Woche verlasse ich Elysium Prime für eine Weile.
    Wir gehen auf eine Expedition.«
    »Eine Expedition?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Wohin?«
    »Cerberus Gräben. Richtung Tartarus-Gebirge.«
    Er zuckt mit den Schultern, als wäre das nichts weiter als ein Spaziergang
    durch den Park.
    »Wahnsinn – das sind fast 2.000 Kilometer von hier! Wie kommt ihr da hin?
    Mars-Rover?«
    Mark grinst.
    »Nein, nicht den ganzen Weg. In der Nähe der Cerberus-Gräben gibt
    es eine kleine geologische Forschungsstation. Sie ist über einen
    schmalen Bahntunnel mit Elysium Prime verbunden. Von dort aus
    geht’s dann mit den Mars-Rovern weiter.«
    Ich betrachte ihn nachdenklich. »Und was genau werdet ihr dort
    erforschen?«
    Mark wendet den Blick ab, schaut einen Moment lang aus dem Fenster,
    als würde er den Ort in der Ferne vor seinem inneren Auge sehen. Dann
    zuckt er mit den Schultern – diesmal weniger lässig, fast zögerlich.
    »Geologische Strukturen…« – er hält kurz inne – «…und wir suchen nach
    wertvollen Ressourcen. Was sonst?«
    Er lächelt, doch seine Stimme klingt mechanisch, als hätte er sich diese
    Antwort zurechtgelegt. Ich spüre, dass da mehr ist, entscheide mich
    aber, nicht weiter nachzubohren.

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